Die Leinebrücke im letzten Jahrhundert
Carsten Lemensieck


In der Zeit nach der Erneuerung der Brücke im Jahr 1921 wurden nur die nötigsten Ausbesserungsarbeiten am Brückenbauwerk ausgeführt. Dennoch war es mit der Zeit unabdingbar die Brücke in ihrer Tragfähigkeit deutlich zu verbessern. Aufgrund der immer größer und schwerer werdenden Fahrzeuge wurden die Holzträger durch Eisenträger ersetzt und der Mittelpfeiler erhielt eine Eisen– und Betonummantelung. Logischerweise konnte aber irgendwann die Statik der Brücke mit den schwereren Fahrzeugen und dem zunehmenden Verkehr nicht mehr aufeinander abgestimmt werden, so dass es letztendlich nur eine Frage der Zeit war, wann es zu einem baufälligen Zustand des Brückenbauwerks kommen würde.

Bevor es so weit war, erlebte die Brücke in den siebziger und achtziger Jahren noch einmal so etwas wie eine Blütezeit. Mit zunehmender privater Modernisierung verstärkte sich der Verkehr aus Richtung Freden nach Alfeld zusehends. Für Beschäftigte, die im Bereich Hannoversche Straße und im weiteren Verlauf der B3 in  Richtung Elze / Hannover arbeiteten, war die Abkürzung über die Brücke bei geschlossener Schranke in Freden sehr willkommen. Man musste nicht mehr vor der Schranke warten und konnte so das Nadelöhr am Kaiserhof problemlos umfahren. Letzteres war auch der Grund dafür, dass die Stadt Alfeld die Unterhaltung der Brücke übernahm. Damit einher gingen die Freigabe der Brücke und die der Zuwegungen auf beiden Seiten für Fahrzeuge bis 7,5 t, so dass aus dem „Schleichweg“ eine offizielle Verbindung wurde. Die schmale Straße und ebenso schmale Brücke waren dabei kein Hindernis, denn die Strecke war de facto morgens Einbahnstraße in Richtung Alfeld, dafür abends umgekehrt in Richtung Freden. Wer während des Berufsverkehrs in die falsche Richtung wollte, hatte allerdings ein Problem. Wartebuchten gab es nicht.

Mit der Fertigstellung des Überführungsbauwerkes über die Bahn in Freden ca. 1985  entspannte sich die Situation schlagartig. Die Brücke war für den Durchgangsverkehr nicht mehr zwingend erforderlich. Bei der nächsten fälligen 

Überprüfung der Brücke stellte man fest, dass die Beschädigungen offensichtlich so gravierend waren, dass eine weitere Reparatur unverhältnismäßig hohe Kosten verursacht hätte.

Aufgrund des mittlerweile eingetretenen baufälligen Zustands ist die Holzleinebrücke zwischen den Orten Wispenstein und Meimerhausen nunmehr seit dem Jahr 1990 für sämtlichen Kraftfahrzeugverkehr und Rad- und

 Fußgängerverkehr gesperrt. Aus sicherheitsrechtlichen Gründen wurde die Sperrung angeordnet. Das Hauptproblem der vorhandenen Baufälligkeit stellt der Stützpfeiler in der Mitte der Leine dar. Dieser hat sich im Laufe der Jahre sichtbar geneigt. Eine Aufrichtung ist nicht mehr möglich. Als Material für den Bau der Brücke wurde Fichtenholz verwendet. Bei Fichtenholz handelt es sich aber um eine Holzart, durch welche keine dauerhafte Stabilität gewährleistet wird. Immer wieder mussten marode Bohlen und Bretter ausgetauscht werden. Ein weiteres Problem ist, dass in diesem Bereich des Flussbettes der Leine eine starke Strudelwirkung vorherrscht. Diese hat sicherlich mit dazu beigetragen, dass der Mittelpfeiler abgängig ist. Auch die durchgeführte Begradigung des Laufs der Leine und die Hochwässer mit ihrem Treibgut taten ein Übriges dazu. Ebenfalls muss in diesem Zusammenhang der schwere landwirtschaftliche Verkehr erwähnt werden, welcher in der Vergangenheit von der Brücke getragen werden musste

Bereits vor der Vollsperrung wurde der Kraftfahrzeugverkehr über die Brücke eingeschränkt und entschärft. Eine Zeit lang durften nur landwirtschaftliche Fahrzeuge und Kleinkrafträder die Zubringerwege befahren und über die Brücke fahren. Zur deutlichen Begrenzung der Geschwindigkeit wurden unmittelbar vor der Brücke farblich sichtbare Bodenwellen und Geschwindigkeitsbegrenzungsschilder (20km/h) angebracht, um den Verkehr langsam über die Brücke zu führen. Jeder, der über die Brücke fuhr, verursachte zudem Erschütterungen und Lärm. Die Holzbohlen der Brücke klapperten und schallten durchs Leinetal. Die getätigten Maßnahmen zur Geschwindigkeitsbegrenzung sollten gleichzeitig zu einer Minderung dieser Belästigungen führen. Vielen Bürgern, welche den Klang der Holzbrücke Jahrzehntelang im Ohr hatten, fehlt das heute irgendwie.

Seit der Vollsperrung herrscht nur noch Tristesse an der Stelle, wo jetzt noch die alte Holzbrücke vor sich hingammelt und darauf wartet, dass sie irgendwann zusammenfällt und in die Leine stürzt. Die Welt ist dort leider buchstäblich mit Brettern zugenagelt worden. Ein großes Durchfahrtverbotsschild an einem Bretterverschlag auf jeder Seite der Brücke angebracht sticht sofort ins Auge. Damit entfällt derzeit die direkte, kurze Verbindung von Wispenstein nach Meimerhausen und umgekehrt. Fußgänger und Radfahrer stehen oftmals kopfschüttelnd und träumerisch zugleich vor dem Hindernis, welches sie am Weitergehen und am Weiterfahren hindert. Ein für viele unbefriedigender Zustand.