Was war davor?
Auch vor dem Zweiten Weltkrieg hatte es schon einen DRK Ortsverein gegeben. Nach einer Notiz aus der Alfelder Zeitung von 1964 feierte der Ortsverein sein 50jähriges Bestehen. Das bedeutet, er wurde 1914, also im ersten Jahr des ersten Weltkrieges, zum ersten Male gegründet, verlor dann aber 1933 seine Selbständigkeit und ging in die NS-Frauenschaft über. Das DRK war damals eine mächtige Organisation: 1,5 Mio. Mitglieder in 8.000 Vereinen, 3.500 Sanitätskolonnen, 590 Krankenwagen, 10.000 gut ausgebildete Schwestern und 17.000 Laienhelferinnen. Der Staat brauchte diese geballte Kompetenz für den Kriegsfall.

Versorgung der Flüchtlinge und Vertriebenen
Arbeit für den Ortverein gab es mehr als genug. Viele Flüchtlinge waren nur mit dem Nötigsten in Wispenstein angekommen. Für sie musste Essen, medizinische Versorgung und Kleidung bereitgestellt werden. In der Anfangszeit wurde das Essen auf dem Gut gekocht und dann an die Flüchtlingsfamilien verteilt.

Eine große Hilfe waren die aus den USA eintreffenden CARE-Pakete. Die Versorgungslage in den Westzonen hatte sich im Frühjahr 1946 rapide verschlechtert. Zur Linderung der Nachkriegsnot in Europa, insbesondere in Deutschland, wurde daher in den USA die private Hilfsorganisation CARE (Cooperative for American Remittances to Europe) gegründet. Das Wort "CARE" hat im Englischen die Bedeutung Fürsorge! CARE-Pakete wurden zum Symbol für private Hilfsbereitschaft. Überzählige 10-Mann-Rationenpakete der US-Armee wurden anfangs von CARE aufgekauft und an Organisationen wie das DRK verschickt. Der Kreisverband verteilte sie dann an die Ortsvereine. Hinter jedem Paket verbarg sich jeweils ein Spender, der es für 10 Dollar erworben hatte. Ab dem 14. August 1946 trafen die ersten CARE-Pakete in Deutschland ein. Bis zum Januar 1947 waren rund fünf Millionen Pakete verschickt worden. Sie sicherten vielen Menschen in Deutschland das Überleben. Als die Armeerationen verbraucht waren, wurden die Pakete inhaltlich mehr auf den Bedarf der Deutschen abgestimmt. Sie enthielten z.B. Rindfleisch, Corned Beef, Speck, Margarine, Schmalz, Honig, Zucker, Schokolade Milch- und Eipulver. Ab und zu fand man auch eine amerikanische Illustrierte darin, die die heile Welt in den USA zeigte. Einige Frauen waren schwanger oder hatten Säuglinge bei sich. Geburten fanden in der Regel zu Hause statt. Eine Hebamme leistete dabei Hilfe. Danach wurde im Ortsverein abgesprochen, wer für die Wöchnerin und ihre Familie Essen kochte. Das gleiche galt für alte und kranke Menschen. Wer hätte damals an "Essen auf Rädern" gedacht? Da jede Familie zwei und mehr Kinder hatte, war es auch nicht schwierig, die Flüchtlingsfamilien mit Babykleidung und den damals noch zu waschenden Windeln zu versorgen. Für die Schulkinder gab es eine warme Suppe in der Schule. Man nannte das Schulspeisung. Außerdem mussten sie regelmäßig unter Aufsicht des Lehrers einen Löffel Lebertran zu sich nehmen. Obwohl sich viele davor ekelten, machten sie aus Respekt vor dem Lehrer trotzdem den Mund auf und schluckten die ölige Flüssigkeit runter.

Suchdienst
Viele Familien hatten ihre Angehörigen in den Wirren des Krieges und der Flucht verloren und versuchten nun über den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes Kontakt aufzunehmen oder nach ihrem Verbleib zu forschen. Täglich mehrmals sendete der Rundfunk Suchmeldungen. Viele Soldaten waren vermisst oder ihr Schicksal war unbekannt.
Auch bei Familien aus Wispenstein waren der Ehemann, Bruder oder Vater verschollen und wurde nun gesucht. Wie Frieda Wecke berichtet, musste die Vorsitzende des Ortvereins mehrmals Familien aufsuchen, um ihnen mitzuteilen, dass der Gesuchte gefallen oder verstorben war. Andererseits gelang es auch, versprengte Familien zusammenzuführen. Es ist vielen nicht bekannt, dass der Suchdienst noch heute fortbesteht. In Zeiten der allgemeinen Ost-West-Entspannung ist es leichter geworden, Kriegsschicksale aufzuklären. Die ehemaligen Kriegsgegner lassen Blicke in ihre Archive zu.