Samuel Bifanos Kameraden - 3 von ihnen starben, als er schwer verwundet wurde

Vor 62 Jahren - Kriegsende in Wispenstein
Der 2. Weltkrieg aus der Sicht eines amerikanischen Soldaten

Der zweite Weltkrieg ist lange her. Vor 59 Jahren hat Deutschland kapituliert. Zeitzeugen, die über den Krieg berichten können, gibt es bald nicht mehr. Allein im Sinne einer Kriegsprävention ist es wichtig, die Erinnerung an eine Zeit wach zu halten, die unbeschreiblich viel Leid über die Menschen gebracht hat.

Bei der Arbeit an der Wispensteiner Chronik hatte sich Carsten Lemensieck intensiv mit dem 2. Weltkrieg und seinen Auswirkungen beschäftigt. Auch auf Wispenstein waren 7 Bomben gefallen. Eine alte Frau war dabei ums Leben gekommen. Wer, fragte er sich, waren diese Kaugummi kauenden jungen Soldaten gewesen, deren Panzer am Morgen des 8. April 1945 plötzlich im Dorf standen.

Lange musste er auf eine Antwort warten. Doch dann kam ihm der Zufall zu Hilfe. Eines Tages las er in einer Zeitschrift von der neuen Suchmaschine „AllTheWeb.com“. Zum Test gab er „Wispenstein“ als Suchwort ein. Unter den zahlreichen Links befand sich erstaunlicherweise auch ein Hinweis auf die 83. Infanterie Division der US-Army. Als er den Link anklickte, las er staunend, dass es diese Division war, die Wispenstein erobert hatte. Schon immer hatte er sich gewünscht, ein paar Fotos aus dieser Zeit für die Internetseite www.wispenstein.de zu bekommen. In dem Glauben, dass sich hinter dem Link eine Gedenkstätte für die Ehemaligen der 83. verbarg, verfasste er eine Email mit der Frage, ob es von der Besetzung Wispensteins Fotos gäbe. Eine Antwort kam prompt am nächsten Tag.

Dear Mr. Lemensieck:

I am writing in response to your inquiry relative to 83d Division's actions near and in Wispenstein during April 1945. I am the son of an 83d veteran but I do not have any pictures. My Dad served with the 83d as a gunnery sergeant in B Battery, 324th Field Artillery Battalion. It was not Dad's happiest time in his life, and he rarely spoke of the war. Nor did he keep any pictures, if he ever took any, of his time in the service.


I have attached a copy of a map from the 83d's history showing the division's path from 7 April to 13 April. Not sure if you have visited the site my brother and I have established to honor our Dad and other members of the 83d, so I've included a link below.

 

Sincerely,
John Bifano

Lieber Herr Lemensieck,

ich schreibe Ihnen in Beantwortung Ihrer Frage bzgl. der  Aktivitäten der 83. Division nahe und in Wispenstein während des Aprils 1945. Ich bin der Sohn eines Veteranen der 83. und habe leider keine Fotos. Mein Vater dienste als Artillerie Sergeant in der B-Batterie des 324. Feld Artillerie-Bataillons. Es war nicht die beste zeit im leben meines Vaters und er sprach kaum über den Krieg. Er bewahrte auch keine Fotos aus seiner Dienstzeit auf,  wenn immer er je welche besaß.

Ich habe Ihnen eine Kopie der Lagekarte aus der Chronik der 83. beigefügt, die den Weg der Division vom 7. April 1945 bis zum 13 April zeigt. Da ich nicht sicher bin, ob Sie Die Internetseiten gesehen haben, die mein Bruder und ich zu Ehren unseres Vaters und der anderen Mitglieder der 83. eingerichtet haben, habe ich den unten stehenden Link angegeben.

Mit freundlichen Grüssen
John Bifano

Der Gefechtsstreifen der 83. Infanterie Division US-Army

Aus diesem Erstkontakt entspann sich ein längerer Austausch von Emails. Die große Überraschung kam, als Carsten Lemensieck John Bifano mitteilte, dass er seinen Urlaub in Naples, Florida verbringen wolle. Er erfuhr, dass sein Emailpartner in Cape Coral, nur 30 Meilen von Naples entfernt lebt und dass man sich während des Urlaubs treffen könne. Gesagt getan. Vier Wochen später klingelte Carsten Lemensieck an dessen Haustür und wurde herzlich empfangen. Mitgebracht hatte er eine deutsche Übersetzung des „Kriegstagebuchs der 83. Infanterie Division der US Army für die Monate April und Mai 1945, Band I and II“ von Peter Nüchterlein), angefertigt von einen Museumsdirektor in Wernigerode.

Samuel J. Bifano

Vormarsch zur Elbe

Der RagTagCircus in einem Dorf an der Weser

Soldaten der 83. Division

Vor 60 Jahren - Kriegsende in Wispenstein
Der 2. Weltkrieg aus der Sicht eines amerikanischen Soldaten

von Carsten Lemensieck

Der zweite Weltkrieg ist lange her. Vor 60 Jahren hat Deutschland kapituliert. Zeitzeugen, die über den Krieg berichten können, gibt es bald nicht mehr. Allein im Sinne einer Kriegsprävention ist es wichtig, die Erinnerung an eine Zeit wach zu halten, die unbeschreiblich viel Leid über die Menschen gebracht hat. Heute erscheint alles, was damals geschah, selbstverständlich. Wenn wir an den Krieg zurückdenken, haben wir zerstörte deutsche Städte und gefallene, vermisste oder verwundete Angehörige vor Augen. Der nachfolgende Artikel beschreibt, wie der amerikanischer Soldat Samuel Bifano in den Krieg ziehen muss, gleich in den ersten Tagen schwer verwundet wird und dann im April 1945 zu denen gehört, die mit dem Einmarsch er US-Truppen den Krieg in  Wispenstein  beenden.

Dank sei an dieser Stelle an John Bifano, dem Sohn des Kriegsveteranen ausgesprochen, der mir freundlicherweise Unterlagen für die Recherche zur Verfügung stellte

Samuels Bifano erobert Wispenstein 

Im Jahr 1942 lief  die Ausbildung der amerikanischen Soldaten für den Krieg in Europa auf Hochtouren. Systematisch wurden die Rekruten im ganzen Land eingezogen und erhielten ihre Grundausbildung. Mit der anschließenden Waffenausbildung wurden sie auf den Einsatz in Europa vorbereitet. So geschah es auch mit Samuel Bifano. 15 Tage nach der Musterung nahm er am 21.10.1942 den Zug Richtung Camp Atterbury in Indiana. Dort wurde der Stamm der 83. Infanteriedivision auf Kriegsstärke gebracht. Dieses Ziel wurde im Februar 1943 erreicht.

Sam Bifano landete in der B-Batterie des 324. Feldartillerie-Bataillons. Nach der Waffenausbildung an der 155 mm Haubitze wurde er vom Gefreiten zum Technical Sergeant befördert. Sein Aufgabengebiet lag fortan in der Pflege und Wartung der Hydraulik dieser Haubitzen. Von Juni bis August 1943 nahm er an den Manövern der Division in Tennessee teil. 

Dann wurde es ernst. In Camp Shanks, 25 Meilen nordwestlich von New York, erhielt die Division am 30 März ihre Kriegsausstattung. Alle Soldaten hatten Codenummern auf ihren Helmen, die sie eindeutig einem Transportmittel zuordneten. Ihre Truppenabzeichen mussten sie aus Sicherheitsgründen entfernen, um eine Zuordnung für Spione zu erschweren. Dann erfolgte der Transfer zur West Side Pier in Manhattan und schließlich das Verladen von Soldaten und Material auf die  H.M.S Orion. Am nächsten Morgen begann die 10-tägige Überfahrt ins Ungewisse Richtung Kriegsschauplatz Europa.

Die Landung der Alliierten in der Normandie warf ihre Schatten voraus. Als Samuel Bifano in Liverpool landete,  begann ein Training für die Kämpfe auf dem französischen Festland. Nach gelungener Invasion am 6. Juni 1944 formierten sich die Kampftruppen im rückwärtigen Bereich zum Abmarsch. 11 Tage nach der Invasion ging es los. Versehen mit Pillen gegen die Seekrankheit  setzte er mit seinem Bataillon auf einem Truppentransporter nach Frankreich über. Die Überfahrt stand unter einem schlechten Stern. Einer der schlimmsten Stürme seit Jahren hatte die provisorischen Docks an der Omaha-Beach zerstört.  Drei Tage musste das Bataillon auf See verbringen, bis es endlich an Land gesetzt werden konnte. Sam Bifano verbrachte mehrere Tage damit, in einer Apfel-Plantage bei Briqueville die mit Salzwasser getränkte Ausrüstung vor  Korrosion zu schützen. Zur Entlastung der vom Kampf erschöpften Invasionstruppen rückte die 83. Division am 27. Juni 1944 bei Carentan in die Feuerstellungen ein und eröffnete das Feuer auf die deutschen Truppen.  

Gegen Mittag des 9. Juli 1944 wurde die B-Batterie von einer deutschen Granate getroffen. 3 Soldaten starben, darunter Sam Bifanos bester Freund. Er  selbst wurde von Splittern im Rücken getroffen und schwer verwundet in das Feldlazarett transportiert und dort medizinisch versorgt. Danach wurde Sam Bifano zur Genesung und Rehabilitation nach England gebracht. Seine Verwundung war so schwer, dass er bis Januar 1945 im Krankenhaus bleiben musste.

Während dessen gingen seine Kameraden durch die Hölle. 43 Tage kämpften sie ohne Pause unter hohen Verlusten. Inzwischen war es September 1944 geworden. Als sich die deutschen Truppen auf der Insel Cezembre  festgesetzt hatten,  musste das 324. Feldartillerie Bataillon unterstützend eingreifen, obwohl die Truppen eine Ruhepause bitter nötig hatten. Endlich ging der Vormarsch voran, weil die deutschen Truppen weniger Widerstand leisteten. Am 26. 9. 1944 wurde die deutsche Westgrenze bei Luxemburg erreicht.  

Kurz darauf  begann das letzte große Gefecht: Die Schlacht um denn Hürtgenwald.  Allein 20.000 Amerikaner ließen dort ihr Leben, 50.000 wurden verwundet. Die 83. Division musste die erschöpften und dezimierten Truppen entsetzen. Zäh kämpften sich die Kameraden von Sam Bifano voran und drängten die deutschen Truppen über die Rur (Eifel) zurück. Doch noch war deren Widerstand nicht gebrochen. Deutsche Panzertruppen und SS-Divisionen traten zu einer Gegenoffensive an. Rasch drangen sie bis nach Rochefort in Belgien vor. Doch nach schweren Artilleriegefechten mussten sie sich schließlich zurückziehen. 

Samuel Bifano kehrte nach seiner Genesung erst im Januar 1945 zu seiner Truppe zurück. Er kam gerade zum rechten Zeitpunkt, denn die Truppenstärke war durch verwundete und gefallene Soldaten stark reduziert. Weil er Kampferfahrung hatte, wurde er zum Hauptfeldwebel befördert und wurde Zugführer in seiner B-Batterie. 

Nach schweren Kämpfen erreichte die 83. Infanterie-Division am 2. März 1945 als erste den Rhein. Ein Stoßtrupp der Division konnte sogar die Brücke bei Oberkassel einnehmen. Vergebens. Deutschen Truppen  gelang es dennoch, einen der beiden Brückenbögen zu zerstören. Wäre der Handstreich gelungen, hätte sie wohl als erste den Rhein überschritten und dem Ruhm für sich beanspruchen können. So aber ging die 9. Division mit der Brücke von Remagen in die Geschichte ein. Nach Artillerieangriffen auf Neuss, wobei auch erbeutete deutsche 8,8 cm-Kanonen eingesetzt wurden, überquerte die Division den Rhein am 29. März bei Krefeld. 

Der deutsche Widerstand brach zunehmend zusammen. Nun begann eine beispiellose Verfolgungsjagd auf die zurückweichenden deutschen Truppen, die  später als „Rag Tag Circus“ in den Medien gefeiert wurde. Das Ziel war die Elbe. Alles, was fahren konnte, wurde requiriert, mit amerikanischen Hoheitszeichen versehen und zum Transport der Truppen nach Osten eingesetzt.  Die Panzereinheiten konnten dem Tempo kaum noch folgen. Teilweise wurden sogar die normalerweise vorausfahrenden Aufklärungseinheiten überholt. Zwischen dem 31. März und dem 12. April wurden so mehr als 450 km zurückgelegt. “Despite the weather and the fatigue, the battalion pressed on with the knowledge that every mile gained brought the war in Europe closer to an end“. schreibt John Bifano auf der Internetseite zu Ehren seines 1994 verstorbenen Vaters. "Trotz der Wetterbedingungen und der Erschöpfung drängte das Bataillon vorwärts mit der Erkenntnis, dass jede eroberte Meile das Kriegsende in Europa näher brachte". 

So gelangte Samuel J. Bifano schließlich am 7. April 1945 in den Raum Delligsen - Wispenstein – Alfeld

7. April 1945 - Die Amerikaner erobern Wispenstein

Obwohl das Kriegsende abzusehen war, wurde in Wispenstein noch ein Volkssturm zusammengestellt. Einige Wochen zuvor kam ein deutscher Offizier  der Wehrmacht in das Gemeindebüro und gab Befehl, vor Einmarsch der alliierten Truppen die Eisenbahnbrücken in Freden und Wispenstein sowie die Leinebrücke zu sprengen. Sprengstoff und Panzerfäuste wurden angeliefert und in der Garage des Bürgermeisters gelagert.

Auch im Umkreis von Alfeld versuchten Militär und Verwaltung noch eine Gegenwehr durch den Volkssturm zu organisieren. Jungen im Alter von 16 bis 18 Jahren waren im Alfelder Schwimmbad zu einem Wehrertüchtigungslager zusammengezogen worden und mussten den Umgang mit Gewehr, Panzerfaust und Handgranate üben. Unter ihnen war auch Heinz Lohmann aus Wispenstein. Bekleidet mit der SS-Uniform einer wallonischen Einheit nahm er an den Übungen teil. Dann kam der Marschbefehl. Mit 3 Bussen wurden die Jungen Richtung Harz abtransportiert. Heinz Lohmann hatte Glück. Zusammen mit zwei Kameraden war er in Alfeld geblieben und musste nun  auf  einen Anhänger steigen um, zusammen mit Gerät, nach Oderbrück im Harz verlegt zu werden. Der Fahrer transportierte normalerweise Papierrollen für die Papierfabrik in Alfeld. Er kannte die Jungs und sagte ihnen, sie sollten auf ein Zeichen vom Wagen zu springen und im Schutze des Waldrandes Richtung Bad Harzburg laufen. Er würde sie dann auf  dem Rückweg wieder aufnehmen. Gesagt getan. Er fand die drei Jungs wieder, und ließ sie auf den Anhänger steigen. Gegen Abend erreichten sie problemlos die Strecke zwischen Meimerhausen und Röllinghausen. Hier sprang Heinz Lohmann ab und gelangte im Schutze der Dunkelheit über die Bahngeleise und den Mühlenstieg in sein Elternhaus. Am nächsten Abend waren die Amerikaner da.

Der damals 5 Jahre alte Carsten Lemensieck erinnert sich: 

„Plötzlich hörte man das Rasseln von Panzerketten durch die Nacht. Die  Motoren dröhnten und ließen die Scheiben klirren. Mehrere Familien saßen in einem abgedunkelten Keller bei Familie Sackmann in Delligsen: „Jetzt kommen sie doch noch“ rief seine Mutter und begann zu weinen. Laute Kommandos wurden hörbar. An der Ecke zur B3 hielten die Panzer und gingen in Stellung. Später klopfte es leise an der Hintertür. Ein deutscher Soldat in Uniform bat um Zivilkleidung. Einige Stunden später ertönten Schüsse und Maschinengewehrfeuer. Dann war wieder Stille. Der Krieg hatte den Raum um Alfeld erreicht. Am nächsten Morgen lagen mehrere Tote unter Decken auf der Straße. Es waren SS-Soldaten, die von der Front überrascht worden waren. In einem Kübelwagen wollten sie sich vor der US-Army retten und hatten in der Dunkelheit den Panzer übersehen.

August Justus berichtet in der neuen Wispensteiner Chronik:

Im Rundfunk konnte man den Vormarsch der feindlichen Truppen verfolgen. Vereinzelt wurden Straßensperren errichtet, indem man gefällte Bäume über die Fahrbahn stapelte. Der Einmarsch in Wispenstein erfolgte am 7. April 1945 über Nacht. Als wir am Sonntagmorgen erwachten, stand die Hauptstraße voll mit Panzern, LKW und andere Kampffahrzeugen. Die amerikanischen Soldaten, teilweise auch farbige, beschenkten die Kinder mit Schokolade. Ein Offizier im Jeep fragte mich nach dem „Mayor.“ Ich zeigte ihm das Haus des Bürgermeisters (wir standen genau davor). Normalerweise wurde der Eingang über den Hof benutzt. Die Soldaten sprangen aber über den Gartenzaun und gingen auf die hölzerne Veranda zu. Kettler hatte wohl alles beobachtet und öffnete die sonst verschlossene Tür. Zur Begrüßung sagte der Bürgermeister: „Gemeinde Wispenstein kampflos übergeben, Heil Hitler!“ Ein Soldat versetzte Herrn Kettler einen Schlag in die Rippen. Danach wurde die Telefonleitung gekappt. Am Dorfausgang kurz hinter Augustins Haus wurde die Telefonleitung für alle Anschlüsse in Imsen und Wispenstein durchschnitten."

Henry Käse hatte am 7. April seinen 12. Geburtstag. Daher sind ihm die Ereignisse auch noch heute in lebhafter Erinnerung. Er berichtet:

Es war etwa gegen 22.00 Uhr. Wir hatten uns bereits schlafen gelegt. Plötzlich war lautes Motorengeräusch zu hören.  Eine Vorhut mit drei Panzern bewegte sich langsam durch das Dorf. Der erste Panzer machte auf der Mühlgrabenbrücke halt. Die beiden anderen auf Höhe unseres Hauses und an der Abzweigung zum Gut. Im zweiten Panzer befand sich ein deutsch sprechender Soldat, der von seinem Panzer herunterkletterte und meinen Vater ansprach. „Sind in Ihrem Haus deutsche Soldaten“, fragte er. Als mein Vater verneinte, überzeugte er sich selbst und durchsuchte unser Haus. Während dessen kamen weitere Fahrzeuge ins Dorf. Wie wir erfuhren, wollte man die Leinebrücke Richtung Meimerhausen unversehrt in die Hände bekommen. Ein Stoßtrupp war daher vorausgeeilt, hatte sie auf Sprengladungen untersucht aber nichts gefunden.

Mein Vater erzählte dem Sergeanten, dass ich Geburtstag hatte. Der Soldat ging daraufhin an den Panzer und holte eine große Tafel Blockschokolade und schenkte sie mir. Ich wusste mich vor Freude kaum zu fassen.

Am nächsten Morgen gegen 9.00 Uhr standen die drei Panzer nach wie vor in den abends zuvor bezogenen Stellungen.  Oberhalb des Zimmerplatzes war ein Beobachtungsposten mit Scherenfernrohr postiert worden. Plötzlich kam Bewegung in die Soldaten. Ein Panzermotor wurde angelassen und der Panzer setzte sich in Bewegung. Der Beobachtungsposten hatte auf der Straße von Meimerhausen nach Röllinghausen ein Fahrzeug erspäht. Der Panzer drehte seinen Turm Richtung Brucht und feuerte in kurzer Folge mehrere Schüsse ab.  Danach machte er Stellungswechsel und feuerte erneut. Das Fahrzeug wurde getroffen, der Fahrer starb. Wie sich hinterher herausstellte, handelte es sich um einen dienstverpflichteten Franzosen, der bei den Bauern Milchkannen abholte.

Kurz darauf setzten sich die Panzer in Bewegung, überquerten die hölzerne Leinebrücke, gefolgt von einer großen Anzahl von Armeefahrzeugen. Ihre Stoßrichtung war der Nordharz. Erstaunlicherweise hielt die Brücke sogar den schweren Panzern stand und überstand die Belastung ohne nennenswerte Beschädigung. Zur ihrer Zerstörung war es nicht mehr gekommen, weil Bürgermeister Kettler die Sprengmittel in der Sandgrube und an der Trift vergraben hatte.

Kriegsende 

Schon am 15. April 1945 wurde die Elbe bei Barby überquert und die US-Truppen drangen trotz einer deutschen Gegenoffensive bei Zerbst bis in die Nähe von Berlin vor. Am 1. Mai reichten sich der Kommandeur der 83. Infanteriedivision General Macon und der russische Oberst Alexej Iwanow in Cobbelsdorf vor Berlin die Hände. Eine Woche später, am 8. Mai 1945, kapitulierte Deutschland.

In den Wochen danach hatten Samuel Bifano und seine Kameraden den Auftrag, den Aufbau der Militärregierung zu unterstützen, Nazi-Repräsentanten aufzuspüren, Dokumente zu konfiszieren, vom Krieg entwurzelte Menschen mit Nahrung und Unterkunft zu versorgen, Munition zu sprengen und militärische Einrichtungen der US-Truppen zu schützen. Sein Bataillon lag inzwischen in Bayern. Im August 1945 war auch der Krieg mit Japan beendet. 

Im Herbst erhielten er und seine Kameraden Punkte entsprechend ihrem Alter, der Dauer der Zugehörigkeit zur Army und der verliehen Auszeichnungen. Mit mehr als 85 Punkten war auch Sam Bifano unter den Glücklichen, die an Bord eines Truppentransporters gehen konnten. Er erreichte die Heimat mit seinen Kameraden nach zehn Tagen Überfahrt und wurde schließlich am 5. Dezember 1945, nach insgesamt 3 Jahren in der US-Army, aus dem Militärdienst entlassen. Sechsmal war er ausgezeichnet worden, darunter mit dem „Purple Heart“, einer der höchsten amerikanischen Auszeichnungen.

Die 83. Division befand sich insgesamt 270 Tage im Kriegseinsatz. Sie hatte dabei große Verluste hinnehmen müssen. 2850 Kameraden von Sam Bifano waren gefallen, 11.060 insgesamt im Kampf verwundet, 425 ihren Verwundungen erlegen, 177 in Gefangenschaft geraten und 501 Soldaten vermisst. 82.146 deutsche Soldaten wurden gefangen genommen.

Für Wispenstein war der Krieg glimpflich abgegangen wie Bernhard Gisder in der Chronik von 1951 berichtet:

"In der Schule hatten die Amerikaner Schießübungen veranstaltet. Das Klassenzimmer sah böse aus. Zu nennenswerten Zwischenfällen ist es nicht gekommen. Die Besetzung war besser verlaufen, als viele dachten. Misshandlungen oder Vergewaltigungen waren nicht vorgekommen. Im Wispekamp hatten die Truppen auch einen Feldflugplatz eingerichtet, hier war ein reger Flugverkehr der amerikanischen Heeresflieger. Die ersten Tage durfte sich kein Deutscher auf der Straße zeigen. Später wurde der Ausgang bis 18 Uhr bewilligt. Im August wurde die Sperrstunde auf 23 Uhr festgelegt". Wispenstein war wieder auf dem Wege zur Normalität

John Bifano (Mitte) und Frau mit Carsten Lemensieck