Flüchtlinge
Carsten Lemensieck

Der zweite Weltkrieg hat das Gesicht Europas verändert. Millionen Menschen starben als Soldaten an der Front oder als unbeteiligte Zivilpersonen im Hinterland durch Bomben, Granaten, Krankheiten oder Hunger. Niemand weiß, wie viele durch Kriegseinwirkung Verletzungen erlitten. Ungezählt sind auch die Schicksale derer, die durch Kriegseinwirkung, Okkupation oder Vertreibung ihre Heimat verloren und z. T. nach mehrfachen Umsiedlungsaktionen dann 1945/46 in der damaligen „Ostzone“, oder im „Westen“ ankamen und oft nur das nackte Leben retten konnten. Die Mütter und Töchter waren häufig Opfer von Vergewaltigungen. Ohne männliche Unterstützung hatten sie zu Fuß, mit Hand- oder Pferdewagen den langen Weg von Polen, Ostpreußen, Schlesien oder Pommern zurückgelegt, ständig in Todesangst und geplagt von Krankheiten, Erfrierungen, das Weinen der Kinder im Ohr, die Hunger hatten und unter der Kälte litten.

Irgendwann hatte die lange Reise ein Ende. Sie wurden durch die Behörden erfasst und erhielten ein oder zwei Zimmer, wo sie erst einmal bleiben konnten. Manche Ortschaften waren derartig überfüllt, dass den Einheimischen manchmal kaum der nötige Wirtschaftsraum blieb.

Auch Wispenstein stand nach dem 2. Weltkrieg vor der Aufgabe, die zugewiesenen Flüchtlinge aufzunehmen und ihnen eine neue Heimat zu geben, da die Welt angesichts der zunehmenden Polarisierung zwischen Amerikanern und Russen in zwei Blöcke geteilt wurde, von denen einer vor, der andere hinter dem „Eisernen Vorhang“ lag. Für die Wispensteiner bedeutete die Ankunft der Flüchtlinge, Evakuierten und Ausgewiesenen ein Zusammenrücken in den Häusern, für die Vertriebenen ein Leben in der Enge von ein bis zwei Zimmern.

Wie aus den Unterlagen des ehemaligen Bürgermeisters Heinrich Kettler hervorgeht, hatte Wispenstein Mitte 1944 insgesamt 406 Einwohner, davon waren 381 Wispensteiner und 25 polnische und russische Fremdarbeiter. Dazu kamen am 27. Mai 1946 60 Flüchtlinge und am 29. Mai 1946 nochmals 40 Flüchtlinge. Am 1. September 1948 lebten in der Gemeinde 240 Flüchtlinge und 34 Evakuierte. Geht man davon aus, dass die Fremdarbeiter bis Ende1946 wieder in ihrer Heimat waren, betrug der Flüchtlingsanteil der Bevölkerung fast 40 Prozent

Bei uns im Haus lebten nacheinander die Familie Reule und Frau Koch mit ihren Nichten. Trotz der Enge in dem kleinen Haus kann ich mich nicht an Zank oder Reibereien erinnern. Alle hatten wohl im Krieg gelernt, ihre Ansprüche zurückzuschrauben und auch gegenüber den Mitmenschen in vielen Dingen nachsichtiger zu sein.

Einige Familien verließen Wispenstein wieder in den 5 Jahren nach dem Krieg. Meist hatten sie ihre Verwandten durch den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes oder andere Institutionen wiedergefunden. Die sich verschärfenden Ost-Westkonflikte machten aber auch deutlich, dass eine baldige Rückkehr in die Heimat unmöglich war.

Der beginnende Wirtschaftsaufschwung begünstigte die Aufnahme regelmäßiger Arbeit für viele, oft in neuen Berufen. Viele der Vertriebenen brachten eine sehr gute Berufsausbildung mit, die ihren Start in eine neue Existenz erleichterte. Dies war oft auch der Beginn einer Integration in die neue Heimat Wispenstein. Bereits im Jahr 1948 wurde mit Otto Hanke der erste Vertriebene in das Amt des Bürgermeisters gewählt. Durch Heirat trat allmählich eine Vermischung von Alt- und Neu-Wispensteinern ein. Heute wissen nur noch die Älteren unter uns, wer damals seine Heimat aufgeben musste.

Nachfolgend sind die Namen der Familien und der Zahl ihrer Mitglieder aufgeführt, die nach Wispenstein kamen. In Klammern (soweit bekannt) ihre Herkunft.


Flüchtlingsfamilien
Familiennamen, Herkunft und Zahl der Familienmitglieder

Bache 
Braun (Schlesien)
Dammasch (Ostpreußen)
Drewitz 
Diebel 
Ergezinger (Bessarabien) 
Grajewski 
Gierschewski (Ostpreußen) 
Göbel (Schlesien) 
Grimmig 
Gniewkowski 
Hoffmann (Schlesien) 
Heidrich 
Hirte (Schlesien) 
Hanke (Schlesien) 
Hinke 3
Hoppe (Schlesien) 
Horneffer
v. Herzberg
Hillebrecht
Jurgeneit (Ostpreußen)
John (Schlesien)
Innerbichler (Schlesien)
Korytowski
Konrad (Bessarabien)
Koch (Bessarabien)
Kernchen (Pommern)
1
1
2
1
2
20
5
3
1
3
1
7
2
2
3
3
5
1
1
1
5
2
2
1
1
1
3
 
Kaps (Schlesien)
Klocker (Schlesien)
Klabunde (Pommern)
Krüger
Langer (Schlesien) 
Martin
Neher (Bessarabien)
Nimser (Schlesien)
Oefler
Piechotka
v. Prittwitz
Pfalz (Schlesien)
Ruhge
Renkel
Reule (Bessarabien)
Rönsch
Seifert (Schlesien)
Sanner (Schlesien)
Suchanke (Schlesien)
Spende
Schmidtke (Ostpreußen)
Scholz
Scherwinski (Ostpreußen)
Tautz (Schlesien)
Weber (Bessarabien
Wiedemann (Schlesien)
Winkler
3
4
1
1
10
1
3
6
3
2
1
1
2
1
4
4
2
2
2
5
3
4
4
1
2
1
3