Gottfried von Cramm - Weltspitzensportler und Freund Wispensteins
von Roland Kernchen

Dreimal bin ich Gottfried von Cramm in Wispenstein persönlich begegnet. Die beiden ersten Male wusste ich aber noch wenig um seine sportliche Weltberühmtheit, obwohl ich mir schon als 9jähriger regelmäßig Sportzeitungen aus Alfeld mitbringen ließ. Doch für mich stand damals 1951 fast ausschließlich Fußball im Mittelpunkt des Interesses, Berichte vom Tennis registrierte ich nur sehr am Rande

In den Nachkriegsjahren war es in Wispenstein üblich, das zu Weihnachten die Gutsbediensteten, wozu auch mein Vater als Mühlenverwalter zählte, und ihre Kinder kurz vor dem Fest in den Gutssaal zu einer Feier mit Bescherung eingeladen wurden, wobei Gottfried von Cramm als damals vorübergehender Gutsherr stets anwesend war und eine kurze Ansprache hielt. Der Saal war festlich erleuchtet, ein großer geschmückter Weihnachtsbaum stand an der einen Stirnseite, auf langen Tischen lagen die liebevoll verpackten Geschenke. Gerade für uns in dieser Zeit der allgemeinen Verknappung nicht gerade verwöhnten Kinder war es jedes Mal ein fast unwirkliches Ereignis. Und 1951 erhielt ich dort als Weihnachtsgeschenk meinen ersten Fußball Er war nicht aus Leder, sondern aus Kunststoff und daher nässe unkempfindlich, ein Novum für jene Jahre. Als leidenschaftlicher Fußballer habe ich den Ball über alles geliebt. Daher war ich aber auch untröstlich, als er nach nur wenigen Monaten im Sommer 1952 auf einen Nagel geschossen wurde, ein Loch bekam und nicht mehr zu reparieren war. Das war der Nachteil der Kunststoffhülle.

Weihnachten 1953 war das Gutsherrengeschenk dauerhafter. Da ich nun bereits das Gymnasium besuchte, hielt man wohl ein Buch für angemessener, „Unsere Eisenbahn“, handsigniert von Gottfried von Cramm. Meine dritte Begegnung mit Gottfried von Cramm war 1957 bei meiner Konfirmation. Obwohl er inzwischen eine größere Firma in Hamburg betrieb und sein Bruder Aschwin wieder Gutsherr von Brüggen und Wispenstein war, ließ er es sich nicht nehmen, in alter Verbundenheit mit „seinen“ Wispensteinern den Kindern der Gutsangestellten im Namen seines Bruders die Konfirmationsgeschenke persönlich zu überreichen. Auch Gutsverwalter Bollmanns Söhne wurden an diesem Tage eingesegnet. Und im nun fortgeschrittenen Alter war ich mir auch der Ehre bewusst, einen weltbekannten Sportsmann an diesem Nachmittag für eine halbe Stunde an unserem Kaffeetisch zu haben. Gerade in dieser Zeit neigte sich die sportliche Karriere des inzwischen 48jährigen(!) allmählich dem Ende zu, war er aber auch wegen seiner zwei Jahre zuvor geschlossenen Ehe mit der Woolworth Millionen-Erbin Barbara Hutton in aller Munde.

Die beschriebenen Verbindungen zu unserem Dorf Wispenstein zeigen in grundlegender Weise Charakterzüge des Menschen Gottfried von Cramm auf. Er war nur wenige Nachkriegsjahre für Wispenstein als Gutsherr „zuständig“, er hat die wenigste Zeit seines Lebens in Wispenstein seinen Wohnsitz gehabt, und gelebt hat er hier noch weniger. Aber dennoch war es ihm eine freudige Verpflichtung, seinen Aufgaben hier nachzukommen und dabei besonders den Kontakt zu den Menschen des Dorfes zu pflegen, wann immer sich eine Gelegenheit dazu bot. Er war ein ungewöhnlicher Mensch, dessen grundlegender Wesenszug, die Fairness, im sportlichen und im weiteren Sinne, seinen Lebensweg bestimmt. Dieser soll im folgenden kurz aufgezeigt werden.

Gottfried von Cramm wird am 7. Juli 1909 im Schloss Nettlingen als dritter Sohn des Barons Burghard und seiner Ehefrau Jutta geboren. Jutta war die älteste Tochter des auf Schloss Brüggen ansässigen Grafen Ernst von Steinberg. In Brüggen hatten die Eltern Gottfrieds auch im Dezember 1905 geheiratet. Wie schon an anderer Stelle erwähnt hatte Ernst von Steinberg keine männlichen Nachkommen, so dass die erstgeborene Tochter Jutta das Erbe der von Steinbergs weiterzuführen hatte. Ein reicher Kindersegen war in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts sicher nicht ungewöhnlich, aber sieben Söhne wie es schließlich bei den von Cramms sind, waren doch eine Seltenheit und wurden bald zu einem besonderen Kennzeichen dieser Familie.

Bald nach dem Tode des Grafen Ernst von Steinberg 1911 zieht die Familie in das repräsentative Schloss Brüggen. Hier wächst Gottfried mit seinen sechs Brüdern Aschwin, Burghard, Berno, Adalbert, Siegfried und Wilhelm-Ernst auf. Das Leben auf einem herrschaftlichen Besitz, wie es Brüggen war, ist in jenen Tagen eine kleine Welt für sich. Alles hat seinen angestammten Platz und seine geregelte Ordnung. Der Baron leitet, unterstützt von seinem Inspektor, die Geschicke des Brüggener Gutes und der übrigen Rittergüter in Bodenburg, Harbarnsen, Wispenstein, Almstedt, Sellenstedt und Salzdetfurth. Seine Frau und seine Schwiegermutter stehen hier in Brüggen dem Haus- und Küchenpersonal vor, und draußen auf den Feldern und in den Stallungen auf dem Hof besorgen Knechte und Mägde die Bestellung der Äcker und die Pflege der Tiere.

Diese geordnete „kleine Welt“ gibt auch den heranwachsenden Crammschen Jungen ihren festen Platz, wo sie zugleich alle Möglichkeiten haben, sich frei zu entfalten. Sie wechseln vom Stuhl an der großen Mittagstafel, wo Kindermädchen darauf achten, dass sie manierlich und formvollendet zu speisen lernen, hinüber zu den Pferden im Hof, wo die Stallknechte ihnen bei den ersten Reitversuchen die nötigen Hilfen geben. Dort bei den Pferden erleidet Gottfried als 11jähriger ein persönliches Missgeschick von einschneidender und schmerzlicher Bedeutung.

Als er einem Pferd liebevoll ein Stück Zucker anbieten will, beißt es dem erschreckten Jungen kräftig in die rechte Hand. Das oberste Glied des Zeigefingers muss amputiert werden. Als das Schlimmste vorbei ist, versucht der Arzt seinen weinenden Patienten zu beruhigen: „Einem einfachen Landwirt schadet dieser Verlust nicht, und zu einem Virtuosen bist du doch nicht geboren.“ Er denkt dabei sicherlich ans Klavier- oder Geigespielen und nicht an das Spiel mit Schläger und Ball, das sein Patient ein gutes Jahrzehnt später so virtuos beherrschen wird wie kaum ein anderer seiner Zeit. Die fehlende Kuppe des rechten Zeigefingers wird aber tatsächlich für den rechtshändigen Tennisspieler kein Handicap bedeuten, denn in seiner langen Tenniskarriere benutzt Gottfried von Cramm immer einen Schläger mit extrem dünnen Griff.

Mit dem Eintritt ins Schulalter beginnt auch für Gottfried und seine Brüder Lernen und Unterricht. Doch der Unterricht findet im Schloss statt, es gibt keinen starren Stundenplan, keine „blauen Briefe“ oder Versetzungsängste. Alle Söhne werden von Hauslehrern unterrichtet. Dabei ist die markanteste Erzieherpersönlichkeit ohne Zweifel das „Fräulein Markgraf“, eine schon etwas ältere Dame, die vorher an den Königshöfen von Spanien und England unterrichtet hat. Einer ihrer Zöglinge war dort der spätere König Edward VIII., der nach seinem Thronverzicht als Herzog von Windsor die geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson heiratete. Fräulein Markgraf lehrt in Brüggen die modernen Fremdsprachen, scheint aber mehr als einmal am Erfolg ihrer pädagogischen Bemühungen gezweifelt haben, denn von ihr ist das Zitat überliefert: „Alle Crammschen Söhne sind Ochsenknechte!“

Das Schulfach Sport oder wie es damals heißt Turnen steht zwar nicht auf dem Stundenplan der Erzieher, aber der sportliche Vater sorgt dafür, dass Spiel und Sport bei seinen Söhnen nicht zu kurz kommt. Nach eigenem Bekunden hat Gottfried von Cramm in seinem elften Lebensjahr mit dem Tennisspielen begonnen, und als 13jähriger antwortet er dem Fräulein Markgraf auf deren Frage nach seinem Berufswunsch in akzentfreiem Englisch: „I want to become World Tennis Champion!“ Weltmeister ist er zwar nie geworden, aber populärster Tennisspieler seiner Zeit, Inbegriff von Stil und Fair play.

Aber bis dahin ist noch ein weiter Weg. Als 15jähriger wird Gottfried von Cramm 1924 Mitglied des DTV Hannover, wo nach und nach auch alle seine Bruder aktiv sind. - 1927 nimmt er an den Deutschen Junioren-Meisterschaften in Erfurt teil, scheidet aber im Einzel schon in der Vorrunde aus, was einen Freund zu dem tröstenden Zuspruch veranlasste: „Nimm's nicht tragisch, Gottfried, das ist nun mal so: Es gibt mehr Krampen als Cracks!“ Doch im Doppel gewinnt er seine erste Deutsche Meisterschaft. Ein Jahr später endet dann seine Schulzeit, als er im Hildesheimer Schulkollegium unter den gestrengen Augen des Prüfungs-Schulrats sein Abitur ablegt.

Aus jenem Jahr stammt auch der Bericht seines jüngsten Bruders Ernst-Wilhelm vom Weihnachtsfest im Brüggener Schloss, der erkennen lässt, warum Gottfried von Cramm später die Guts-Weihnachten in Wispenstein so wichtig sind: „Familie und Personal versammelten sich wie immer vor den beiden Eingangstüren zum großen Saal. Das Licht wurde gelöscht und dann trat man ein in den von vielen Kerzen festlich erleuchteten Saal. In seiner Mitte stand der große, zehn Meter hohe Weihnachtsbaum, vor ihm die Krippe, und um ihn herum waren auch diesmal - nach Größe gestaffelt - die sieben kleineren Christbäume platziert. Jetzt, 1928, waren es die jüngeren Brüder, die das Weihnachtsevangelium. aufsagten. Auch sie waren inzwischen soweit herangewachsen, dass sie sich nicht ungeduldig - wie vor Jahren darüber ärgerten, dass bei dem nun folgenden traditionellen Zeremoniell der großen Bescherung die Bediensteten des Schlosses die zuerst Beschenkten waren.“

Nach dem Abitur beginnt für Gottfried von Cramm ein neuer Lebensabschnitt: Er zieht nach Berlin, um Jura zu studieren, denn als Beruf ist für ihn die Diplomatenlaufbahn vorgesehen. Gleichzeitig tritt er dort in den Spitzenclub Rot-Weiß ein, wo er qualifizierte Trainer und Mitspieler findet, die sein Talent erkennen und fördern. 1929 wird er Deutscher Hochschulmeister und erstmals taucht sein Name in der deutschen Tennis-Rangliste auf, auf Platz 10 bereits. 1930 geht er mit Tennisfreunden seines Clubs Rot-Weiß auf seine erste große Reise an die Riviera und trifft als noch Unbekannter auf den Plätzen von Nizza, Cannes und Monte Carlo auf die damaligen Größen des internationalen Tennis. Dabei gelingen ihm mehrere Siege gegen hohe Favoriten. Die Tenniswelt wird auf den 21jährigen aufmerksam

Das Jahr 1931 wird für Gottfried von Cramm zum großen Durchbruch. In Athen gewinnt er am 25. April seinen ersten internationalen Titel, wird Meister der Mittelmeerländer. Bei den Grand-Slam-Turnieren in Paris und Wimbledon erreicht er jeweils die 4. Runde und steht am Jahresende in der deutschen Rangliste auf Platz 2. So ist der im Laufe des Jahres auch mit Zustimmung der Eltern gefasste Entschluss, sein Jurastudium abzubrechen, nur konsequent und letztlich auch weitsichtig.

Das Jahr 1932 markiert für Gottfried von Cramm den Beginn einer sechsjährigen Zeitspanne, die zur erfolgreichsten seiner Tenniskarriere werden wird. Bis 1934 wird er in die Weltelite vordringen und dort für die drei folgenden Jahre bis 1937 unbestritten den zweiten Platz einnehmen. Er wird neben Max Schmeling zum populärsten Sportler Deutschlands und weltweite Berühmtheit erlangen, nur der letzte Schritt zum „Tennisweltmeister“ wird ihm nicht glücken. Dabei bringt ihm 1932 der Mannschaftswettbewerb des Davis-Cups die größten Erfolge, wo er mit seinem Partner Daniel Prenn erst im Halbfinale an den Amerikanern scheitert. In der Weltrangliste aber rückt von Cramm auf Rang 8 vor, Prenn steht sogar auf Platz 6. Doch Prenn ist Jude, wird nach der Machtübernahme Hitlers aus dem Tennisleben ausgeschlossen und muss nach England emigrieren. Gottfried von Cramm muss sich an eine neue Rolle gewöhnen: die des Spitzensportlers in einem totalitären Regime. Aufgrund seiner inneren Einstellung, seines untrüglichen Empfindens dafür, wie Menschen von Kultur miteinander umzugehen haben, bleibt er zunächst in reservierter Distanz den Nazis gegenüber, die aber bald in zunehmende Ablehnung umschlägt.

Sein stetiger sportlicher Aufstieg bleibt von diesen Problemen unbeeinflusst. 1933 gewinnt er mit Hilde Krahwinkel das Wimbledon-Finale im Mixed. Es wird sein einziger Titel dort bleiben. Im Frühsommer 1934 erreicht Gottfried von Cramm dann die absolute Spitze des Welttennis: Er gewinnt die Internationalen Meisterschaften von Paris, besiegt im Finale den Wimbledonsieger des Vorjahres und amtierenden Weltranglistenersten John Crawford aus Australien in einem dramatischen Endspiel mit 6:4, 7:9, 3:6, 7:5 und 6:3. Am Jahresende steht er hinter Wimbledonsieger Fred Perry aus England und Crawford auf Platz 3. Dass er von 1932 bis 1935 die Internationalen Meisterschaften von Deutschland gewinnt, sei hier nur der Vollständigkeit halber aufgelistet.

1935 erreicht Gottfried von Cramm erstmals das Finale in Wimbledon, unterliegt dann aber dem Engländer Perry mit 2:6, 4:6 und 4:6. Der Engländer hatte ihn auch wenige Wochen zuvor in Paris in vier Sätzen bezwungen. Der Deutsche rückt auf Platz 2 der Weltrangliste vor, bleibt es bis 1937.

1936 kann von Cramm in Paris den Spieß umdrehen und Perry in einem grandiosen Match mit 6:0, 2:6, 6:2, 2:6 und 6:0 schlagen. Natürlich stehen sich die beiden Spitzenspieler am 3. Juli auch in Wimbledon gegenüber und Perry gewinnt glatt mit 6:1, 6:1, 6:0. Was war geschehen? Im zweiten Satz spürt von Cramm plötzlich einen schmerzhaften Schlag im rechten Oberschenkel, eine schmerzhafte Zerrung, er kann sich nur noch mühsam wehren, gibt aber, obwohl chancenlos, nicht auf. Doch Perry führt das ungleiche Match zielstrebig zu seinem baldigen Ende.

1937 verzichtet Gottfried von Cramm auf das Grand-Slam-Turnier in Paris, auch weil er im Davis-Cup stark belastet ist, und konzentriert sich nur auf Wimbledon. Hier ist aber schon in den beiden Vorjahren ein neuer Stern aufgegangen, der des Amerikaners Donald Budge. 1935 und 1936 noch war er im Halbfinale an v. Cramm bzw. Fred Perry gescheitert. Diesmal nutzt er seine Chance, bezwingt Gottfried von Cramm in einem hochklassigen Finale in drei Sätzen. Die große internationale Schar seiner Anhänger hatte dem Deutschen die Daumen gedrückt, nun kam etwas wie Mitleid für ihn auf. Man tröstet ihn als „gracious loser“, als „noblen Verlierer“, man gibt ihm Hoffnungen für die kommenden Jahre. Niemand kann ahnen, dass dann von Cramms Name nicht einmal im Teilnehmerfeld aufgeführt wird. 1937 sollte das letzte Mal gewesen sein, dass der Deutsche das Endspiel von Wimbledon erreicht. Später wird man von ihm schreiben: „The best Player who never won Wimbledon“.

 Im Daviscup war Deutschland seit 1934 wieder auf dem Weg nach oben, denn mit Henner Henkel war ein zweiter Spitzenspieler an Gottfried von Cramms Seite gerückt. Dreimal erreichten die beiden das Halbfinale, dreimal scheiterten sie aber auch dort, das letzte Mal an den Amerikanern, wobei Gottfried von Cramm wieder in einem dramatischen Fünf-Satz-Match an Donald Budge scheitert. Insgesamt hat Gottfried von Cramm von 1932 bis 1953 (!) 102 Spiele im Daviscup ausgetragen, davon 82 gewonnen. In der kleinen Gruppe von Spielern, die mehr als 100 Spiele für ihr Land bestritten, erreichte er aber als einziger eine Erfolgsquote von über 80 % Siege.

 Auf dem Höhepunkt von 1937 wird die sportliche Karriere Gottfried von Cramms jäh und unerwartet unterbrochen, 10 Jahre seines Sportlerlebens werden ihm genommen. Im August 1937 schickt der Deutsche Tennis Bund die vier Spitzenspieler Gottfried von Cramm, Henner Henkel, Dr. Heinrich Kleinschroth und Marlies Horn auf eine Weltreise, um die Interessen des deutschen Tennis weltweit zu vertreten. In den USA, in Japan, auf den Philippinen und in Australien werden große Turniere bestritten mit einer Vielzahl von Siegen. Per Schiff werden die langen Entfernungen zurückgelegt. Am 2. März 1938 kommen die Tennisspieler in Neapel wieder in Europa an und betreten am Morgen des 4. März im Münchener Bahnhof erstmals nach 200tägiger Abwesenheit wieder deutschen Boden. Zum offiziellen Abschluss der Weltreise ist ein Empfang durch den Reichssportführer in Berlin vorgesehen, doch der wird aus unerklärlichen Gründen abgesagt. Daraufhin fährt Gottfried von Cramm am nächsten Tag nach Brüggen, wo die Familie ihm einen freudigen Empfang bereitet. Doch die Feier am Abend des 5. März findet ein jähes Ende.

Eine Verwandte erzählt davon wie folgt: „Als nach dem Abendessen die Familie im Salon in froher Runde zusammensitzt, schellt überraschend die Türglocke des Schlosses. Kurz darauf kommt der Diener Mielke mit der Nachricht, dass zwei Herren von der Regierung gekommen sind, um dem Tennisspieler die Glückwünsche zur erfolgreich abgeschlossenen Weltreise auszusprechen. Gottfried geht zur Tür, doch als er nach längerer Zeit nicht zurückkehrt, werden wir unruhig. Als er dann endlich, bleich und fahl im Gesicht, hereingestürzt kommt, wissen wir, dass etwas Schreckliches passiert ist. Mit Mühe bringt Gottfried die Worte heraus: „Ich bin verhaftet!“ Die beiden Herren waren Gestapobeamte. Jetzt saßen sie unten und warteten die kurze Zeit, die sie Gottfried zugebilligt hatten, die nötigen Habseligkeiten in ein kleines Köfferchen zu packen. Bald darauf fuhren sie in ihrem Auto vom Schlossplatz in die Dunkelheit davon. Alles, was wir noch erfahren konnten, war, dass die Fahrt nach Berlin ging.“

Gottfried von Cramm kommt ins Untersuchungsgefängnis Moabit. Sofort setzt seine Mutter - der Vater ist schon 1936 als eben 62jähriger gestorben - alle Hebel in Bewegung, um ihrem Sohn zu helfen. Seine ausländischen Tennisfreunde fordern in einem öffentlichen Brief an die offiziellen Stellen des Dritten Reiches seine sofortige Freilassung. Doch am 14. mai findet der Prozess statt und von Cramm wird wegen Verstoßes gegen den § 175 zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Er soll bis 1936,also zwei Jahre zuvor, eine Beziehung zu dem Juden Manasse Herbst gehabt und diesem mittels Geld die Flucht aus Deutschland ermöglicht haben. Die Umstände lassen eher darauf schließen, dass Gottfried von Cramm Opfer eines jener Prozesse wurde, mit deren Hilfe sich die Nazis der ihnen unliebsam oder als potentielle Gegner verdächtig Gewordenen entledigten. Er hatte viele Ausländer als Freunde gewonnen und musste den braunen Machthabern suspekt sein, weil er kein Vertreter des Regimes war. Trotz mehrfacher Aufforderung war er nicht der NSDAP beigetreten. Auf der vom Regime geförderten Weltreise hatte er die in ihn gesetzten Erwartungen als Repräsentant des nationalsozialistischen Sports nicht erfüllt. Auf seine „politische Unzuverlässigkeit“ gaben ausländische Zeitungen konkrete Hinweise. Auch die Annahme einer Denunziation von Cramms wegen verschiedener Äußerungen im kleineren Kreis bei Empfängen während der Weltreise ist nicht von der Hand zu weisen.

Am Sonntag, dem 16. Oktober 1938 wird Gottfried von Cramm „wegen guter Führung“ vorzeitig aus der Haft entlassen. Er muss unter der demütigenden Behandlung sehr gelitten haben und hat später nie über diese Zeit gesprochen. Sportlich wird er kaltgestellt, zum Turnier in Wimbledon 1939 vom Verband nicht gemeldet. Dann bricht der 2. Weltkrieg aus. Im Mai 1940 erhält Gottfried von Cramm auf Schloss Bodenburg, dem nun endgültigen Wohnsitz seiner Mutter, den Einberufungsbescheid. In Brüggen leitet der älteste Sohn Aschwin jetzt die Geschicke der von den Eltern übernommenen Güter. Gottfried kommt im Januar 1942 an die Ostfront und wird kurz danach als „Vorbestrafter, der kein vorgesetzter Offizier werden kann“ aus der Wehrmacht entlassen. In den Jahren bis zum Kriegsende reist er häufig nach Schweden und dürfte auch Kontakte zum deutschen Widerstand gehabt haben.

Das Kriegsende im Mai 1945 und die erste Nachkriegszeit erlebt Gottfried von Cramm in Bodenburg. Seine internationale Bekanntheit ermöglichten ihm nun den Wiederaufbau des deutschen Tennissports, und er gehört auch zu den Mitbegründern des neuen Deutschen Tennis Bundes im Februar 1948. Nach 14jähriger Pause spielt der fast 42jährige 1951 noch einmal in Wimbledon, unterliegt dem 12 Jahre jüngeren Tschechen Jaroslav Drobny in drei hart umkämpften Sätzen. 1948 und 1949 gewinnt er im Herreneinzel die Internationalen Tennismeisterschaften von Deutschland in Hamburg. 1950 siegt er im Finale der Ägyptischen Tennismeisterschaften über Drobny und 1951 nimmt er mit der deutschen Mannschaft erstmals nach dem Krieg wieder am Davis-Cup teil und erreicht das Europazonenfinale gegen Schweden. Sein letztes Davis-Cup-Match bestreitet er 1953 in Paris und holt beim 1:4 gegen Frankreich den einzigen deutschen Spielgewinn.

Seine internationale Karriere klingt aus mit drei Siegen im Finale des Herrendoppels der Internationalen Deutschen Tennismeisterschaften von 1953 - 1955 mit seinem amerikanischem Partner Budge Patty.

In der Wispensteiner Chronik von 1951 schreibt Hermann Jansen: „Zu berichten bleibt nur noch, dass seit 1948 wieder ein Nachkomme des Gründers und Erbauers von Wispenstein in dem neu hergerichteten Gutshaus wohnt: Gottfried von Cramm, drittältester Sohn Burghards von Cramm.“ Bewirtschafter des Gutes war Gottfried aber wohl nie, denn 1951 gründet er in Hamburg eine Firma zur Vermittlung ägyptischer Baumwolle an deutsche Spinnereien und wird damit Kaufmann. Doch das Jahr 1951 ist für ihn und indirekt auch für Wispenstein aus einem anderen Grunde von Bedeutung: In Wimbledon trifft er mit der Woolworth-Erbin Barbara Hutton zusammen, mit der er schon 1937 eine Romanze hatte, nachdem seine Ehe mit seiner Frau Lisa kurz zuvor gescheitert war.

 

Gottfried von Cramm 1951 bei einem Turnier in Helmstedt freundlicherweise zugesandt von E. Müller, Polle

Ende Oktober 1951 nimmt Gottfried von Cramm Barbara Hutton auf dem Kölner Hauptbahnhof zu einem Deutschlandbesuch in Empfang. Man munkelt von einer bevorstehenden Verlobung, die auf dem Gut Wispenstein gefeiert werde. Am 8. 11. 1951 berichtet die ,,Alfelder Zeitung unter der Überschrift ,,Gerüchte um Verlobung“: „Gutsinspektor Bollmann hat gestern nachmittag gesagt, er würde den Bullen loslassen, wenn sich während des Besuchs (von Barbara Hutton und Gottfried von Cramm) Störenfriede einstellen sollten.“ Und eine ,,große Illustrierte“ wird wie folgt zitiert: ,,Jetzt ist sie fast auf Schloss Wispenstein in der Nähe von Alfeld. Der Kuchen, den Gottfried und Barbara auf Schloss Wispenstein im engsten Familienkreise angeschnitten haben, kommt von einem hannoverschen Bäckermeister. Acht elegante Kleider hat sich Barbara Hutton bei Christian Dior in Paris für die Reise nach Schloss Wispenstein anfertigen lassen. „Doch am 13. 11. heißt es in der ,,AZ“: ,,Barbara Hutton ist erkrankt. Der Besuch in Wispenstein entfällt oder wird auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.“

Doch der Besuch kommt nie zustande, wohl aber die Hochzeit zwischen diesem damaligen Traumpaar, aber erst vier Jahre nach den eben geschilderten Ereignissen. Am 8. November 1955 lassen sich Barbara Hutton und Gottfried von Cramm heimlich im Versailler Rathaus trauen. Danach sehen sie sich nur noch selten, von Cramm kümmert sich um seinen Baumwollhandel, seine Frau residiert mal in Tanger, mal in Venedig, mal in New York. Im Oktober 1956 sehen sich die beiden in Bodenburg wieder und der Besuch der Amerikanerin wird zum Großereignis für Schloss und Dorf, doch zu einer Kurzvisite in Wispenstein kommt es wieder nicht.

1957 schreibt Barbara an ihren Mann aus New York, „dass unsere Ehe (als solche) zu Ende ist. Ich glaube, es wäre das beste, wenn ich mich in Mexiko um eine Scheidung bemühen würde.“ Aber erst im Januar 1960 spricht ein Pariser Gericht die offizielle Auflösung der Ehe aus. Gottfried von Cramm widmet sich fortan mit großem Elan seinen kaufmännischen Unternehmungen, die er beständig ausweitet, und der Förderung des deutschen Tennisnachwuchses. 1972 stirbt seine Mutter Jutta, was er als großen Verlust empfindet. Am 9. November 1976 verunglückt Gottfried von Cramm bei einem Autounfall auf einer Geschäftsreise in Ägypten tödlich. Am 16. November versammelt sich eine große Trauergemeinde in Bodenburg, um Abschied von ihm zu nehmen. Am Tage darauf wird er im engsten Kreis auf dem Familienfriedhof in Oelber beigesetzt.