Carsten Lemensieck

Das Gut Wispenstein war stets ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für das Dorf. Bestellt wurde eine Ackerfläche von 800 Morgen. Dazu kamen 880 Morgen Wald und 300 Morgen Weidefläche. Viele Familien waren seit Generationen mit dem Gut verbunden. Dazu gehörten insbesondere die Familien der 17 Vorbürger. Nachdem die von Steinbergische Linie ausgestorben war, ging das Erbe auf die Familie von Cramm über, die ihren Sitz in Brüggen hatte. Von dort aus wurde das Gut geführt. Nach dem Krieg teilte der damalige Senior der Familie Aschwin von Cramm die verschiedenen Güter an seine Söhne auf wahrscheinlich aus der Befürchtung heraus, dass im Rahmen einer Bodenreform Land abgegeben werden müsse. Wispenstein wurde dem als Tennisspieler bekannt gewordenen Gottfried von Cramm übergeben. Soweit es sein Sport und seine Geschäfte erlaubten, lebte er auf dem Gut. Sein freundliches Wesen und sein Verhalten gegenüber den Beschäftigten auf dem Gut machten ihn außerordentlich beliebt bei den Wispensteinern. Nachhaltig ist in Erinnerung geblieben, dass er auch schon mal einen Misthaufen erklomm, wenn er mit einen der Arbeiter sprechen wollte. Bei den auf dem Gut arbeitenden Frauen war er als guter Tänzer bei den Erntedankfestbällen geschätzt.

Vor Ort in Wispenstein war ein Gutsinspektor bestellt, der das Gut für die Familie von Cramm verwaltete. Bis 1938 war das Eggers. Ihm folgte Karl Bollmann, der zuvor das Gut Brüggen verwaltet hatte. Die Aufgabe des Gutsinspektors war es, den Wirtschaftsbetrieb des Gutes zu regeln. Er legte fest, welche Frucht und auf welchen Feldern diese angebaut wurde. Es oblag ihn ferner, nach der Ernte die Kartoffeln, das Getreide und die Rüben gewinnbringend abzusetzen, d.h. er war für den wirtschaftlichen Erfolg des Gutes verantwortlich.

Der Bereich Forstwirtschaft unterstand dem Oberförster Pamperin. Die Verwaltung der 880 Morgen Wald war wirtschaftlich von der Landwirtschaft getrennt. Holzeinschlag und Verkauf von Brenn- und Nutzholz, Pflege des Waldes und Aufforstung der Lichtungen wurden allein durch ihn veranlasst.

 

  Gottfried von Cramm begutachtet seine Puter

Dem Gutsinspektor zur Seite stand der Hofmeister Karl Ahlswede. Seine wichtigste Aufgabe war die Einteilung der Gespannführer und Knechte für die zu verrichtenden Arbeiten. Ferner war er für die Futterproduktion verantwortlich denn das zahlreiche Nutzvieh musste ja über den Winter gebracht werden.Nach dem Krieg wurde Land an die Einwohner von Wispenstein verpachtet. Der Hofmeister vermaß die zu vergebenden Ruten aus. Den auf dem Gut Beschäftigten wurde jedes Jahr Land zur Eigennutzung überlassen, denn viele der Gutsarbeiter hatten eine Familie mit drei oder vier Kindern. Deshalb wurden Kartoffeln und Getreide angebaut, um die Familie zu ernähren. Die Kartoffeln dienten einmal direkt der eigenen Ernährung. Außerdem hatte jeder ein oder mehrere Schweine im Stall sowie mehrere Hühner und Enten und Gänse, um den Bedarf an Fleisch zu decken. Diese mussten dafür Arbeitsleistungen erbringen. z.B. einige Morgen Rüben hacken und verziehen, Erbsen pflücken oder Ähnliches. 

Neben den fest beschäftigten arbeiteten auf dem Gut noch mehrere Tagelöhner und Frauen. Für ihren Einsatz und ihre Beaufsichtigung war Robert Seggelke verantwortlich.

 

Zum Gut gehörte auch eine eigene Schmiede. Sie befand sich am Haupteingangstor des Gutshofes. Nach dem 2. Weltkrieg war Karl Kiehne als Schmied fest angestellt. Die Arbeitsmittel in der Landwirtschaft seinerzeit sind nicht mit den heutigen vergleichbar. Die Mechanisierung des Ackerbaus war noch nicht sehr ausgeprägt. Die überwiegend eingesetzten Geräte waren der Pflug und die Egge. Die Wagen bestanden aus Holz und hatten große Eisenreifen. So ergab sich als Hauptarbeitsfeld für den Schmied des Gutes das Schärfen und die Reparatur der Pflugeisen, das Schärfen und der Neubau von Eggen, das Aufziehen der Wagenreifen und Beschlagen der Pferde.

Die hölzernen Wagen waren natürlich nicht so stabil wie metallene. Bei der hohen Belastung durch das Gewicht der Ladung und die schlechten Transportwege waren sehr häufig Erneuerungsarbeiten erforderlich. Daher hatte sich über dem Mühlgraben, direkt neben der ehemaligen Mühlgrabenbrücke oberhalb des Lohmannschen Hauses die Wispensteiner Stellmacherei angesiedelt. Sie gehörte nicht zum Gut und war anfangs vom den Stellmacher Rott, später von Henry Dreyer gepachtet. Der Betrieb auf dem Gute versorgte sie jedoch mit ausreichend Aufträgen. Bei Reparatur und Neubau von hölzernen Wagen wurde das erforderliche Holz vom Gut gestellt und der Stellmacher baute daraus Wagen und Räder.

Auf dem Gut wurden ständig 100 -120 Milchkühe, Rinder und Kälber gehalten. Mit ihrer Betreuung war die Schweizerfamilie Schuler betraut. Während die Milchkühe heute überwiegend im Stall stehen wurden sie auf dem Gut mit dem Beginn des Frühlings auf die Weide hinter dem Gutshof getrieben und blieben auch dort bis zum Eintritt der kalten Jahreszeit. Der Melker musste daher morgens und abends die Tiere auf der Weide melken, eine Arbeit, die bei der Anzahl der Tiere Stunden dauerte, denn es gab ja noch keine Melkmaschine. Für eine Person war das zuviel Arbeit. Daher gab es immer Melkerfamilien, bei denen alle erwachsenen Mitglieder mithalfen. Die Milch wurde über die Alfelder Molkerei vermarktet. Die Fürsorge für die Tiere wurde sehr ernst genommen den noch Anfang der 50er Jahre musste jeweils ein Melker im Kuhstall schlafen.

Während sich die Landwirtschaft heute spezialisiert und im Hinblick auf die europäische Konkurrenz bemüht ist, möglichst schnell und kostengünstig zu produzieren, wurde bei einer Betriebsgröße wie das Gut sie nach dem Krieg hatte, möglichst die gesamte Palette von Ackerbau und Viehzucht abgedeckt. So gab es einen großen Schweinestall, in dem 40 - 60 Sauen und Ferkel gehalten wurden. Der Schweinemeister war Brodtmann. Da die Verbraucher in der ersten Zeit nach dem Krieg einen erheblichen Bedarf an tierischen Fetten hatten, waren schlachtreife Sauen wesentlich schwerer als heute. Die zur Zucht verwandte Sauen waren riesige respekteinflößende Fleischberge von mehr als 3 Ztr.

Neben der Rinderzucht gab es eine große Herde von Leineschafen. Sie wurden durch den Schafmeister Keunecke betreut. Schafweide gab es um Wispenstein herum genug. So wurden die Schafe regelmäßig, von zwei aufmerksamen Schäferhunden bewacht, durch das Dorf getrieben, wenn sie auf die Weide gebracht wurden. Ganz nebenbei dienten sie der Landschaftspflege, denn alle Feldwege und Wiesenraine, sogar der Sportplatz wurden von ihnen kurz gehalten. Die Rasenpflege durch die Schafe auf dem Wispensteiner Sportplatz war dagegen bei den Fußballern nicht so beliebt, weil man beim Eingrätschen auch schon mal im Kot der Schafe landete.

Da die Landwirtschaft nur wenig mechanisiert war, wurden Zugpferde zum Ziehen der Wagen und dem Bestellen der Äcker eingesetzt. Gegenüber dem Eingangstor auf der anderen Seite des Gutshofes befand sich ein Pferdestall, in dem 14 Pferde gehalten wurden. Es waren zumeist Braunschweiger, eine mittelschwere Rasse die sich vom Temperament und den Anlagen her gut für die Feldarbeit eignete. Für den Stall war ein Futter- oder Stallmeister verantwortlich.

So zogen jeden morgen um 6 Uhr meist 7 Gespanne auf die Felder, nachdem die Gespannführer durch den Hofmeister eingeteilt worden waren. Für die Gespannführer begann die Arbeit allerdings schon um ½ 6 Uhr, weil die Pferde erst noch versorgt und geputzt werden mussten. Nach der Morgenarbeit kehrten die Gespanne auf den Gutshof zurück, damit die Pferde gefüttert werden konnten. Von Frühjahr bis zum Herbst wurde häufig auch an Sonntagen gearbeitet. Eine Ausnahme bildeten die großen Feiertage wie Ostern und Pfingsten. Aber auch dann hatten die Gespannführer keine Ruhe. An den längeren Feiertagen mussten die Pferde bewegt werden. Meist wurde dabei über den Oberg oder die Kiesgruben geritten, denn bei zu langem Stehen bekamen die Pferde dicke Beine.

Die Arbeitspferde wurden auf dem Gut gezüchtet. Meist wurde im Jahr 4-6 Fohlen geboren. Diese wurden mit zunehmendem Alter langsam zu Zugpferden ausgebildet, indem sie neben der Mutter an das Gespann geschirrt wurden. Die letzten Pferde wurden 1962 verkauft, als ein neuer großer Traktor angeschafft worden war.

Die Arbeitserleichterung durch den Einsatz von Maschinen hielt nur sehr langsam Einzug. Anfangs gab es als Zugmaschine einen eisenbereifter Bulldog-Traktor mit 38 PS. Die Umdrehungsgeschwindigkeit des Motor wurde dabei mit Handgas geregelt. Die Gänge mussten mit einer Doppelkupplung eingelegt und gewechselt werden. Ende der 40er Jahre wurde ein gummibereifter Lanz-Bulldog mit 55 PS Motorleistung angeschafft. Allein das Anwerfen des Motors war dauerte ziemlich lange, weil er einige Zeit vorgeheizt werden musste. Er konnte mit einem Dreischarpflug ausgerüstet werden und war um vieles leistungsfähiger als ein Pferdegespann. Auf der linken Seite des Bulldogs befand sich ein riesiges Schwungrad. Mit im konnten über einen Transmissionsriemen Maschinen wie das Heugebläse und die Dreschmaschine betrieben werden.

Das Korn wurde mit einem Flügelmäher geschnitten, der die Halme gleichzeitig zusammenraffte und zu Bündeln schnürte. Diese wurden dann als Stiegen aufgestellt und nach der Abtrocknung auf dem Gut gedroschen. Ein Teil des Getreides wurde bis zum Winter in der großen Feldscheune gelagert und dann gedroschen. Den Antrieb dazu lieferte der Lanz-Bulldog.

Angebaut wurden vor allem Weizen, Hafer, Gersten, Roggen, Kartoffeln, Zuckerrüben sowie ein Hafer-Bohnen-Gemenge als Futter für die Tiere. Das Saatgut für das nächste Frühjahr wurde selbst erzeugt. Schon beim Dreschen wurde es aussortiert und dann sehr sorgfältig eingelagert.

In den 50er Jahren wurden in der Mitte des Gutshofes 4 große Silotürme gebaut, die durch ein Förderband beschickt werden konnten. Dadurch wurde das Anlegen von Mieten für Rübenblatt, Wicken und Gras aus den Feldern überflüssig. Ferner wurde ein Raupenschlepper beschafft. Er wurde vor allem zum Pflügen und Eggen der großen Ackerflächen eingesetzt und konnte dank seiner Ausstattung mit Scheinwerfern auch nach Einbruch der Dunkelheit weiterarbeiten. Hatte sich der Beginn der Feldbestellung witterungsbedingt auf einen späteren Termin verschoben, konnte man Brummen des Motors der „Raupe“ bis in die späten Abendstunden im Dorf hören.

Die Bestellung der Felder und die Arbeit auf dem Hof war sehr arbeitsintensiv. Bis zu 40 Personen waren in der Saison auf dem Hof beschäftigt. Gearbeitet wurde meist von 06.00 bis 18.00 Uhr. Neben der schon erwähnten Mittagspause gab es ½ Stunde Frühstück und ½ Stunde Vesper. Die Entlohnung der Arbeitskräfte erfolgte wöchentlich. Der damalige Stundenlohn betrug 30 Pfennige das ergab insgesamt etwa 12 Mark in der Woche. Dazu erhielten die Arbeiter Deputat, das waren Naturalien wie z.B. 1 ½ Ztr. Getreide im Jahr, 1 l Milch am Tag sowie Kawe als Futter für die Schweine. Feuerholz wurde sehr billig an sie abgegeben. Viele der Beschäftigten konnten in gutseigenen Wohnungen leben. So wohnten die Gutverwalter anfangs in dem eigens dafür gebauten Haus mit Glockenturm neben dem Gutshaus. Der Gutsinspektor Bollmann lebte mit seiner Familie im linken Flügel des Gutshauses.

Die Arbeiter und Tagelöhner lebten zumeist im „Bracken“ (s. Foto links) hinter der Wispebrücke oder dem „Alten Krug“ in der Pappelstraße. Hier hatten sie neben der Wohnung auch noch Stallungen hinter dem Haus, so dass sie sich Schweine und andere Tiere zur Deckung ihres Fleischbedarfs halten konnten. Schaf- und Schweinemeister bekamen Holz kostenfrei geliefert und erhielten jedes Jahr ein Schwein, weil sie selber keines füttern durften. Dahinter stand die Befürchtung, dass Futter entwendet wurde. Dem Schafmeister standen jährlich noch 30 Ztr. Kartoffeln für die Hunde zu.

Die Arbeit wurde möglichst über das ganze Jahr verteilt. Wie schon erwähnt wurde ein Teil des Getreides im Winter gedroschen.

Zum Gut gehörte eine Gärtnerei. Sie wurde von der Familie Schomburg bewirtschaftet. Angebaut wurden alle Arten von Gemüse, die in der Gärtnerei selbst oder auf dem Markt in Alfeld verkauft wurden. Im Frühjahr wurden alle Arten von Kohl und Gemüse in Frühbeeten gezogen und dann als junge Pflanzen an die Dorfbewohner verkauft. Der Bedarf für Wispenstein war relativ groß, weil nahezu jeder seinen Garten hatte und sich mit Frischgemüse selbst versorgte.

Das Gut wurde 1958 an Dr. Neubeiser aus Köln-Porz verkauft. Nachdem es viele Jahre von seinem Sohn, der eine akademische Ausbildung als Landwirt hat, bewirtschaftet worden war, erwarb die Niedersächsische Landgesellschaft 1992 die Ländereien mit einer Fläche von 125 ha. Jetzt ist es im Besitz von Herrn Bremer, der es verpachtet hat.