Umsiedlung, Vertreibung und Flucht - Stationen eines Lebens
Bericht von Wilma Käse, geb. Konrad

Meine Familie siedelt in Bessarabien

Ich wurde am 24.10.1934 als zweite Tochter des Landwirts Rudolf Konrad und dessen Ehefrau Olga, geb. Dietterle in Klöstitz, Bessarabien geboren.

Oft wurde ich gefragt: „Bessarabien, wo liegt das eigentlich?“ Also, aus den Büchern weiß ich: das liegt im Nordwesten des Schwarzen Meeres und hat im Laufe unserer Geschichte zu Rußland, Rumänien, der Sowjetunion und jetzt zur Ukraine und Moldawien gehört.

Dort haben unsere Vorfahren über eineinviertel Jahrhundert gelebt und haben das Land urbar gemacht und entwickelt, in guter Nachbarschaft mit vielen anderen Völkerschaften. Ende des 18. Jahrhundert lud Zar Alexander I. deutsche Siedler ein, sich in den brachliegenden Ländereien von Bessarabien anzusiedeln. Er gewährte Religionsfreiheit, Selbstverwaltung und Befreiung vom Militärdienst.

Meine Vorfahren kamen als Kolonisten aus Württemberg und wanderten über Westpreußen (wo laut Stammbuch auch einige Vorfahren geboren wurden) nach Bessarabien, dem Land zwischen Dnjestr und Pruth.

Dort trafen sie nur meterhohes Steppengras an. Es gab keine Wälder. Der Boden besteht zwar aus fruchtbarem Löß, doch ist er sehr salpeterhaltig. Es gedeihen überwiegend Akazien- und Obstbäume. Die Einwanderer lebten zuerst in Erdhöhlen und machten das Land urbar, sie überstanden Seuchen, Missernten, Heuschreckenplagen und Erdbeben. Ihr unerschütterlicher Glaube ließ sie überleben. Hier bewahrheitete sich das Sprichwort: „Den ersten der Tod, den zweiten die Not und den dritten das Brot“

Die Steine für die Häuser wurden in den Wintermonaten in Steinbrüchen in mehreren Metern Tiefe gebrochen. Mein Geburtsort Klöstitz wurde 1815 gegründet. Er hatte eine schöne große Kirche. Das Dorf war rein evangelisch, katholische Ortschaften waren in der Minderheit. Klöstitz hatte zum Zeitpunkt der Umsiedlung im Jahre 1940 etwa 3000 Einwohner.

Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges wurde die Befreiung vom Militärdienst aufgehoben und die Deutschen wurden von Rußland eingezogen. Meine beiden Großväter wurden russische Soldaten. Der Großvater mütterlicherseits war auch in deutscher Gefangenschaft.

1918 kam Bessarabien zu Rumänien. Mein Vater musste daher seinen Grundwehrdienst bei der rumänischen Armee ableisten. 1940 wurde der Hitler-Stalin-Pakt geschlossen. Bessarabien sollte danach zur Sowjetunion kommen und wir Deutschen wären wohl alle nach Sibirien verschleppt worden. Die Angst ging um und alle waren froh, dass sie dem Aufruf: „Heim ins Reich“ folgen konnten. Die Umsiedlung

Im Sommer 1940 kamen die Umsiedlungskommissionen (linkes Foto) und registrierten die Deutschen und ihr Vermögen. Aus den Kirchenbüchern musste die Deutschstämmigkeit bis zur Einwanderung nachgewiesen werden. Im September 1940 wurden alle Frauen und Kinder mit Lastwagen zum Hafen Galatz gefahren. Die Männer kamen mit Pferden, Wagen und Gepäck nach. Alle 90.000 Deutsche wurden auf Donauschiffe verladen (rechtes Foto). Nach mehreren Tagen wurde der Hafen Semlin in Jugoslawien erreicht. Dort wurden wir in Züge verladen und nach mehreren Tagen Fahrt wurden wir auf verschiedene Lager in Thüringen aufgeteilt. Wir wohnten in Mühlhausen. Mein Vater fand Arbeit in einer Munitionsfabrik. Alle erhielten eine „Einbürgerungsurkunde und unsere Blutgruppe wurde auf den Arm tätowiert. Ende August wurden wir durch mehrere Lager u.a. Litzmannstadt nach Polen in den Warthegau verlegt. Hier wurden wir auf Höfen von Polen angesiedelt, die vorher deportiert worden waren. Es war ein großes Unrecht und keiner fühlte sich zu Hause. Unser Vater kam an die Front und unsere Mutter musste den Hof allein mit einem Knecht und einer Magd bewirtschaften.

Die Flucht

Anfang Januar 1945 sahen wir tagelang Flüchtlingstrecks auf der Hauptstraße durchziehen. Wir dachten noch nicht an Flucht. Der Gauleiter hatte angeordnet, nicht zu packen. Bis zu uns käme die Front nicht. Wir wohnten ca. 80 km südlich von Posen. Am 20. Januar kam unser Knecht aus der 5 km entfernten Kreisstadt und sagte zu Mutter: „Alle müssen bis um 12 Uhr in der Stadt sein.“ Wir müssten nur vorübergehend für 3 Wochen flüchten. Wir hatten keinen Wagen mit Plane. Mutter war ganz kopflos. Sie packte das Nötigste und uns 5 Kinder (12, 10, 8, 4 und 2 Jahre alt) auf und unter Federbetten, einige Lebensmittel und Futter für die Pferde auf den Wagen setzte sich mit dem Knecht auf den Kutschbock und los ging es bei -20 bis -25° bis in die Stadt. Dort war alles verstopft und überfüllt mit Pferden, Wagen und Menschen. Mutter fuhr zusammen mit unseren Nachbarn weiter bis zum Abend. In einem Dorf hielt der Treck, Kinder und Pferde wurden versorgt und dann sollte es weitergehen. Man hörte schon den Geschützdonner. Doch unsere Knechte waren in der Dunkelheit geflohen. So nahm Mutter die Zügel und fuhr einige Tage mit wenig Pausen weiter. Die Straßen waren spiegelglatt. Viele Wagen rutschten in Gräben und kippten um. Eine Mutter schrie und hielt ihr erfrorenes Kind hoch. Es waren schreckliche Bilder zu sehen. Wir hatten Hunger und Erfrierungen.

Am 30. Januar erreichten wir Küsterin. Überall waren Trecks und alle strömten zur Brücke. Die Deutschen ließen uns aber nicht mehr über den Fluss. Die Brücke wurde gesprengt und wir wurden zurückgeschickt bis Schernow. Hier quartierten wir uns in die verlassenen Häuser ein. Aus Angst belegten wir nur wenige Räume.

Am 4. Februar rollten die russischen Panzer durch die Straße. Vom Fenster aus sahen wir Gruppen von Russen mit aufgepflanzten Bajonett von Haus zu Haus gehen. Deutsche Soldaten wurden mit erhobenen Händen durch die Straßen getrieben. Wir zitterten und hatten entsetzliche Angst. Die Tür wurde aufgestoßen und mehrere Russen kamen mit Geschrei herein. Einige ältere Männer und große Jungen von ca. 17 bis 18 Jahren wurden auf die Straße getrieben. Mehrere Frauen und Mädchen nahmen sie mit. Einige mussten in einen Nebenraum. Das wiederholte sich fast täglich, auch nachts. In den nächsten Tagen zogen die größeren Kinder durch die leeren Häuser und suchten nach etwas Essbarem, denn wir hatten nichts mehr. Als Mutter das erste Mal die Stiefel auszog, waren ihre Füße und Beine bis an die Knie schwarz: Erfrierungen. Sie konnte nur unter Schmerzen laufen. Nach einigen Tagen mussten wir uns sammeln. Dann trieb man uns zu Fuß, teils mit Handwagen weiter. Wir hatten noch unseren Pferdewagen, aber am nächsten Tag nahmen die Russen uns auch unsere Pferde weg. Wir mussten etwa 50 km zurücklaufen bis Landsberg an der Warthe. Dort quartierten wir uns wieder in leere Häuser ein. Wir Kinder mussten wieder für Nahrung sorgen. Manchmal fanden wir Kartoffeln und Zuckerrüben, einmal einen Sack Korn. Wir mahlten das Korn in der Kaffeemühle. Die Mütter backten Brot. Es gab eine Scheibe Brot mit Kartoffelbrei am Tag. Unsere kleine 2-jährige Schwester hatte einen aufgedunsenen Leib durch Hunger. Mutters Füße sahen schlimm aus. Die Haut faulte ab, die linke große Zehe faulte ab und hing nur noch an der Sehne. Mutter schnitt sie mit dem Messer ab. Auch die ersten Glieder der nächsten beiden Zehen faulten ab. Wildes Fleisch wuchs. Es gab keine Medikamente. Mutter muss schreckliche Schmerzen gelitten haben. Wir Kinder sammelten Kamille. Darin badete sie ihre Füße. Sie heilten jedoch nur langsam. In unserem Raum wurde ein Baby geboren. Es starb jedoch bald.

Am 8. Mai schossen die Russen auf den Straßen Salut und riefen: „Krieg aus, Hitler kaputt.“ Im Juli mussten wir wieder antreten, Mutter und die beiden Kleinen auf den Handwagen und Polen trieben uns bis Küsterin über eine Brücke und ließen uns dort laufen. Ich weiß nicht, wie lange wir für die etwa 100 km lange Strecke bis Berlin brauchten. Nachts versteckten wir uns in Scheunen. Wir hungerten und mussten große Strapazen auf uns nehmen.

Im zerbombten Berlin sammelte sich auf einem großen Platz eine große Zahl von Flüchtlingen. Einige Frauen verteilten Brot mit Butter. So gut hat mir noch nie etwas geschmeckt!

Wir wurden in großen Sälen einquartiert. Man musste sich melden und konnte sich für die Stadt oder das Dorf entscheiden. Wir wollten aufs Land und wurden auf dem „Anhalter Bahnhof“ in Güterwaggons verladen. Von dort aus kamen wir nach Bechlin bei Neuruppin. Auf einem Hof erhielten wir ein Zimmer auf dem Boden. Mutter musste Bombentrichter zuschaufeln. Wir Kinder kamen wieder in die Schule. Durch einen glücklichen Zufall erfuhren wir Vaters Adresse. Er war aus englischer Gefangenschaft nach Föhrste entlassen worden. Hier wohnten mehrere Geschwister meiner Mutter.

Weihnachten 1945 besuchte er uns. Er war „schwarz“ über die Grenze gekommen. Wir stellten einen Ausreiseantrag und kamen nach einer Reise in Güterwaggons am 6. Februar 1946 in Föhrste an.
Neuanfang

Erst wurden wir unter Verwandten aufgeteilt, da es keine Wohnungen gab. Später bekamen wir 2 Zimmer, nach einigen Jahren eine Dreizimmerwohnung. Vater arbeitete zuerst beim Bauern, dann als Hilfsarbeiter in der Fabrik. In Föhrste wurden noch 2 Geschwister geboren. Verwandte aus Amerika schickten uns Pakete. So haben wir die ersten Nachkriegsjahre überstanden.

1956 haben meine Eltern mit Hilfe des Lastenausgleichs in Föhrste gebaut. Wir Kinder erlernten Berufe, verheirateten uns. Mutter starb 1981, Vater 1989, eine Schwester 1993.

Ich habe 1956 geheiratet und 7 Jahre bei meinen Eltern gewohnt. 1963 starb meine Schwiegermutter und wir zogen nach Wispenstein zum Schwiegervater. 1965 habe wir selbst gebaut. Wir haben zwei Kinder und zwei Enkelkinder.

Familie Konrad 1948 in Föhrste

Heute ist Wispenstein meine Heimat

1993 bin ich mit meinem Mann und zwei Geschwistern noch einmal nach Bessarabien geflogen, das heute zur Ukraine gehört. Wir waren in unserem Heimatort, in unserem Haus, das mein Vater 1937 gebaut hat. Es war ein schönes Gefühl, noch einmal „daheim“ zu sein. Die Menschen haben uns freundlich aufgenommen. Schade, dass meine Eltern das nicht mehr erlebt haben.

1997 war ich noch einmal mit einer Busreise im Warthegau, auch auf dem Hof, auf dem wir 3 ½ Jahre wohnten. Ich wollte es noch einmal sehen. Es berührte mich nicht, denn es war nur „eine“ Station in meinem Leben.