Manche Geschichten sind einfach nicht zu glauben. So geht es mir zumindest mit der "Kriegschronik der Gemeinde Wispenstein Weltkrieg 1914 - 18". Sie wurde vom Lehrer Otte über die Jahre geführt und schildert sehr eindrucksvoll die Lebensumstände in Wispenstein von 1914 bis 1919. Lange lag sie unbeachtet bei einem Wispensteiner Bürger. Als er starb, wussten die Erben nichts mit den sauber handgeschriebenen Seiten anzufangen, vor allem wohl deshalb, weil sie in Sütterlin geschrieben worden waren (s. Beispiel). Sie gaben die Chronik zum Flohmarkt, wo sie durch einen glücklichen Zufall von einem Wispensteiner entdeckt und gekauft wurden. Er gab die Seiten Frau Ida Bertram, die sie Wort für Wort in die lateinische Schrift übertrug, damit sie dann in den PC getippt, ausgedruckt und in Gänze gelesen werden konnten.

Die Chronik beginnt mit einer Schilderung der Verhältnisse in Wispenstein vor dem Krieg...

Zu Beginn des Jahres 1914 war in Deutschland überall Wohlstand und Zufriedenheit zu finden. Die deutsche Industrie und der deutsche Handel standen in hoher Blüte. Die Bewohner von Wispenstein waren meist selbständige Handwerksmeister und selbständige Handwerker. Viele arbeiteten auch in der Eisenindustrie. Sie gingen nach Delligsen (Senking-Herdfabrik) und nach Alfeld in die Fabriken. Auf dem Gute arbeiteten landwirtschaftliche Arbeiter. Alle waren zufrieden und hatten ihr gutes Auskommen. Ortsarme waren überhaupt nicht vorhanden. So wie die Verhältnisse hier bei uns lagen, waren sie in fast allen Orten des weiten deutschen Vaterlandes. Die Feinde Deutschland, allen voran England, gönnten uns unseren Wohlstand nicht. Sie fürchteten, dass Deutschlands Handel bald den ersten Platz in der Welt einnehmen werde. Deshalb suchten sie schon seit langen Jahren, Deutschland auf alle mögliche Weise in seiner Entwicklung aufzuhalten und ihm Schaden zuzufügen. Ja, England suchte extra seit dem Jahre 1903 Bundesgenossen, um Deutschland zu vernichten. Es fand solche in Frankreich und Russland. Schon oft in den letzten Jahren hatte der Kriegsausbruch gedroht. So in den Jahren 1906 und 1912. Voll Aufregung hatte man dann als der Entscheidung über Krieg und Frieden entgegen gesehen. Es war bis zum Jahre 1914 immer wieder gelungen, den Frieden zu erhalten. Doch fühlten wohl viele, dass der Krieg unvermeidlich war und dass er doch einmal kommen musste.

Kriegsvorboten

Der Sommer 1914 war ins Land eingezogen, die ersten Roggenstiegen schauten vom Oberg auf Wispenstein herunter. In Wispenstein war man aufgeregt und unruhig. Durch die Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares in Sarajewo war der Gedanke an den Krieg wieder hochgekommen. Jeder sprach in den letzten Tagen des Juli vom drohenden Krieg. Voll Bewegung und Unruhe war ganz Wispenstein. Im Kruge, beim Krüger Karl von Soest, bildete die drohende Kriegsgefahr das Tagesgespräch. Wie immer, so waren auch hier die Meinungen verschieden. Während einige den Krieg für gewiss hielten, behaupteten andere, dass der Krieg auch diesmal, wie in all den früheren Jahren vorübergehen werde. Die Aufregung steigerte sich in den letzten Tagen des Juli immer mehr. Die unsinnigsten Gerüchte wurden geglaubt und weiter erzählt. „Die 79er aus Hildesheim sind schon ausgerückt ins Feld“. Man erzählte, dass Eisenbahnbrücken und Tunnels gesprengt sein. Außerdem wusste man von Spionen und ihrer Erschießung, manches zu berichten. Jeden Abend wurden die Zeitungen, die von Alfeld geholt wurden, mit großer Spannung erwartet und gelesen. Sie berichteten immer noch von Verhandlungen zwischen Wien und Petersburg, Berlin und London und Paris. Sie drückten immer noch die Hoffnung aus, dass es gelingen würde, den Frieden zu erhalten. Am Abend des 31. Juli wurde wegen der drohenden Kriegsgefahr der Kriegszustand erklärt. Der Vorsteher Wilhelm Tönnies, Sieler Nr. 2 wohnhaft, erhielt vom Landratsamt einen großen weißen Bogen zugestellt, auf dem folgendes Stand:

Erklärung des Kriegszustandes

Durch Kaiserliche Verordnung ist der Bezirk des X. Armeekorps in Kriegs
zustand erklärt. Die vollziehende Gewalt des Korpsbezirks geht infolgedessen
an mich über. Die Zivilverwaltung und Gemeindebehörden verbleiben in ihrem
Amt, haben aber meinen Anordnungen und Aufträgen folge zu leisten.
Der kommandierende General des
X. Armeekorps
gez. v. Lemmsick

Kriegsbeginn

...so war man sich hier in Wispenstein bewusst, dass unser geliebter Kaiser nicht mutwillig das Schwert gezogen, sondern dass es ihm von den Feinden des deutschen Vaterlandes in die Hand gezwungen worden war. Alle hatten erkannt, dass wir nicht anders unsere Freiheit erhalten und behalten konnten, als wenn wir sie mit dem Schwert verteidigen. Die älteren Leute nahmen die Kriegserklärung und die Mobilmachung ruhig und gefasst hin. Die Jüngeren waren begeistert für die Sache des Vaterlandes. Jeder von denen die in den folgenden Tagen dem Rufe des Kaisers folgen mussten, war froh, dass er dem Vaterland in der Stunde der Gefahr dienen durfte.

Kriegsfreiwillige gab es auch in Wispenstein. Es waren dies Reinhard Schwarze, Sohn des Revierförsters Schwarze und Naue, Sohn des verstorbenen Mühlenverwalters Naue. In den ersten Tagen der Mobilmachung mussten aus Wispenstein 32 Vaterlandsverteidiger dem Ruf des Kaisers folgen. Da hieß es Abschiednehmen von denen die zurückblieben. Den jungen Leuten fiel es wohl meist weniger schwer. Sie dachten nur an Kampf und schnellen Sieg. Die verheirateten Krieger ließen ihre Familien zurück, da wart der Abschied nicht so leicht. Viele wurden von ihren Angehörigen bis dicht vor Alfeld gebracht. Den Bahnhof durften die Angehörigen der Eingezogenen nicht betreten. In den ersten Kriegstagen wurde viel eingekauft. Viele Leute nahmen an, dass Handel und Verkehr während des Krieges vollständig still liegen würden. Deshalb versuchte jeder noch möglichst viele Waren für sich zu bekommen. Manche nahmen an, dass das Papiergeld nun seine Gültigkeit verlieren würde und suchten es deshalb los zu werden...

Angst vor Spionen und Saboteuren

...Gleich nach Beginn der Mobilmachung befürchtete man, dass Angehörige der feindlichen Völker und Spione es versuchen würden, die deutsche Mobilmachung zu stören, deshalb wurden an Bahndämmen und Eisenbahnbrücken Wachen aufgestellt, die für die Sicherheit des Eisenbahnverkehrs zu sorgen hatten. Solche Wachen standen auch hier in Wispenstein an der Schlagebrücke zwischen Wispenstein und Freden. Jeder der auf der Landstraße fuhr oder ging musste sich ausweisen können. Auch ging das Gerücht, dass die französische Regierung viele Automobile mit Goldgeld beladen habe, dass diese nach Russland bringen sollten. Zum Abfangen dieser Autos und zur Revision aller Leute, die sich auf der Landstraße zeigten, waren hier 2 Doppelposten aufgestellt. Der 1. Stand bei der Schule, und der 2. Bei der Brücke die bei der Mühle über den Mühlengraben führte. Hier bei der Mühle hatte man eine armdicke Kette in Kniehöhe über die Landstraße gespannt. Der Posten hatte scharfgeladene Gewehre. Jeder Unbekannte wurde angehalten und musste sich ausweisen. Etwa 14 Tage nach der vollzogenen Mobilmachung wurden die Posten nicht mehr gestellt. Die nicht eingezogenen männlichen Personen Wispensteins hatten diesen Dienst bis dahin abwechselnd versehen. Der Verkehr auf der Eisenbahn war in den Tagen vor der Kriegserklärung und am ersten und zweiten Mobilmachungstag sehr lebhaft. Alle Züge waren überfüllt, den jeder versuchte erst noch seinen Heimatort zu erreichen, bevor der Eisenbahnverkehr eingeschränkt wurde. Berge von Reisegepäck lagen auf den Bahnhöfen. Jeder größere Bahnhof erhielt eine Bahnhofswache. In unserer Gegend waren Mannschaften des Ersatzbataillons des Inf. Reg. Nr. 79 in Hildesheim dazu abkommandiert. Vom dritten Mobilmachungstage an wurde der Eisenbahnverkehr vollständig gesperrt. Personenzüge, in denen Zivilpersonen mitfahren konnten, verkehrten auf unserer Strecke am Tage nur noch 4 Stück. Dafür fuhren um so mehr Militärzüge an Wispenstein vorbei. Da schauten aus den Wagen die Soldaten in ihren feldgrauen Uniformen. Bis dahin hatte man nur die bunte Friedensuniform gesehen. Die feldgraue Farbe war daher dem Auge etwas Neues. Nicht nur Züge mit Soldaten kamen vorüber, sondern viele Züge waren beladen mit Kanonen, Maschinengewehren, Krankenwagen, Automobilen USW...

Fürsorge

...Für alle Wispensteiner bildete in diesen Tagen der Bahndamm mit seinen immer wechselnden Bildern eine große Sehenswürdigkeit. Für die durchfahrenden Krieger wurde auf dem Bahnhof in Alfeld aufs beste gesorgt. In der Stadt Alfeld hatte sich sofort ein Vaterländischer Frauenverein gebildet, dem sich bald die Vaterländischen Frauenvereine der Dörfer anschlossen. Die Frauen übernahmen zunächst die Verpflegung der Soldaten auf der Station Alfeld. Hier in Wispenstein wurde Brot gesammelt. Dazu gaben die Bewohner noch Butter, Schinken, Wurst, Eier usw.. Die Frau Baronin v. Cramm ordnete an, dass vom hiesigen Gute jeden Tag ein Wagen nach Alfeld gebracht wurde, Auf dem Wagen befanden sich immer mehre Kannen voll Milch. Von all diesen Sachen wurden in Alfeld die feinsten Butterbrote mit Auflagen geschnitten und den Kriegern bei ihrem Aufenthalt in Alfeld gereicht. Auch eine Wispensteinerin beteiligte sich an der Austeilung all der schönen Sachen. Es war das Frl. Martha Eggers, die Tochter des hiesigen Oberverwalters auf dem Gute...

erste Siege

Worauf jeder Deutsche gehofft und gewartet hatte, das war eingetroffen. Die deutsche Armee bestand siegreich die erste Feuerprobe. Hochauf flammten voll Begeisterung die Herzen aller Deutschen. Stolz war jeder auf unsere tapfere Armee. Jeder war stolz, dass er auch ein deutscher, ein Teil, dieses siegreichen, kraftvollen Volkes war. Fahnen flatterten aus manchem Hause Wispensteins. Die Schulkinder hatten manchen schulfreien Tag, denn die königliche Regierung in Hildesheim hatte angeordnet, dass die Siege durch Schulfeiern zum vollen Bewusstsein der Kinder gebracht wurden. Freiwillige strömten in noch größeren Scharen zu den Waffen als bisher. Den ersten Siegesnachrichten aus dem Westen folgten bald noch andere. Namur, St. Quentin, Maubeuge, Reims, Lille, Brüssel, Antwerpen wurden erobert, oder besetzt. Die deutschen Reiter befanden sich 50 km vor Paris. Überall Jubel. Es schien, als sollte der deutsche Sieg schnell errungen werden. Aber die Zahl unserer Feinde war zu groß. Von Osten wälzte sich das große Russenherr heran. Die große russische Dampfwalze sollte nach den Hoffnungen unserer Feinde das deutsche Heer zermalmen. Raubend und plündern, die Kosaken mit dem Streichholz und der Zündschnur die Dörfer anzündend, waren die Russen in Ostpreußen eingefallen. Die Bewohner des Landes waren zum größten Teil vor dem bös hausenden Feinde geflohen. Bis ins innere Deutschland kamen die Flüchtlinge. Auch hier in Wispenstein hörte man von der Not Ostpreußens. Man legte sich die bange Frage vor. Wie wird's dort werden? Wird es dem deutschen Heere auch dort gelingen, den Feind zu schlagen? In den bangen Tagen kam bald die frohe Siegeskunde von Tannenberg, von Ortelsburg und Gilgenburg. Ein neuer, bisher nicht genannter Kriegs und Siegesheld wurde staunend und begeistert vom deutschen Volke genannt. Es war Hindenburg. In meisterhafter Weise hatte er die in Ostpreußen eingedrungenen Russen eingekreist und vernichtet. In offener Feldschlacht wurden über 90.000 Russen gefangen genommen. Ganz Deutschland atmete befreit auf. Auch das gewaltige Russenheer hatte seinen Meister gefunden. Unser Osten war befreit und gerettet. Hindenburg war mit einem Schlag der Nationalheld des Volkes.

Lazarettzüge

Auf dem Bahndamm bei Wispenstein noch immer Militärzüge, die Ersatztruppen ins Feld führten. Dazwischen sah man jetzt aber auch Lazarettzüge nach den großen Schlachten zurückkommen. Sie waren zu erkennen an dem großen roten Kreuzen, die an jedem Wagen gemalt standen. Die Lazarettzüge, die hier vorüber kamen, brachten meist Verwundete nach Alfeld. In Alfeld waren mehre Lazarette eingerichtet worden. Da Vereinslazarett wurde von den Frauenvereinen des Kreises Alfeld unterhalten. Dann gab es noch ein Lazarett im „Kaiserhof“ und eins bei Behrens. (Anm. Schuhleisten Behrens Auf dem Normanplatz stand noch ein Haus.) In Wispenstein war auch ein Frauenverein entstanden. Die Vorsitzende war Frau Revierförster Schwarze. Dieser Frauenverein sorgte nun zunächst für die Verwundeten. Die Wispensteiner gaben gerne für die, die uns so wacker verteidigt hatten. Bier, Butter, Speck wurden gesammelt und an die Lazarette unentgeltlich geliefert. Ganze Fuder voll Äpfel, Birnen, Gemüse aller Art, Kartoffeln usw. wurden von den Bewohnern unseres Ortes gesammelt und meist vom Vorsteher Tönnies nach Alfeld gefahren. Alle Sammlungen für Kriegszwecke hatten in Wispenstein großen Erfolg.

Bald stellten sich auch für die Wispensteiner die ersten Folgen des Krieges ein

...England wollte den Krieg gewinnen, indem es Deutschland aushungerte. England baute seinen Plan darauf, dass es glaubte, Deutschland würde nicht genügend Nahrungsmittel für seine zahlreiche Bevölkerung erzeugen können. Deshalb erklärte England bald nach Beginn der Feindseligkeiten die Blockade unserer Nordseeküsten. Damit war Deutschlands Welthandel lahmgelegt. Deutschland war damit nur auf die Nahrungsmittel angewiesen, die es selbst erzeugte. Ebenso war es mit den Rohstoffen. Es fehlten uns jetzt tatsächlich Nahrungsmittel. Wollten wir nicht zu einem Hungerfrieden gezwungen werden, so mussten wir jetzt umgehend zur richtigen Einteilung und zur gerechten Verteilung unserer Erzeugnisse schreiten. Zum Heile unseres Volkes zögerte die Regierung nicht, diesen Weg zu beschreiten...

Brot, Fleisch und Fett werden knapp

...Am 12. August 1917 gab es neue Brotmarken. Auf ihnen war die zeit angegeben, in der sie gebraucht sein mussten. Dann wurde das Mehl mit Ersatzstoffen vermischt. Man tat dies, um mit dem Mehl länger auszukommen. Im ersten Kriegsjahr wurde Kartoffelmehl und auch rohe und gekochte Kartoffeln zwischen den Brotteig gemengt. Man nannte das Brot „ Kriegsbrot“. Auf jedem Brot musste der Tag angegeben werden, an dem es gebacken war. Erst wenn das Brot 24 Stunden alt war, durfte es verkauft werden. Im Frühjahr 1917 wurde das Brotgetreide sehr knapp. Das Brotgetreide musste bis zu 94% ausgemahlen werden. Die Mehl und Brotration wurde pro Person wöchentlich um 300g gekürzt...
...Mit dem 22. September 1916 hörte der freie Handel mit Fleisch auf. Fleisch durfte von da ab nur auf Fleischmarken abgegeben werden. Für jede bezugsberechtigte Person wurde ein Karte ausgestellt. Die ausgegebene Karte galt immer für 4 Wochen. Die Ausgabe der Fleischkarten habe ich übernommen. (Lehrer Otte). Sie geschah in der Schulstube. Jede über 6 Jahre alte Person sollte 250g Fleisch erhalten in jeder Woche. Kinder unter 6 Jahren bekamen wöchentlich 125g Fleisch. Die Gewichtsmengen schwankten später sehr und es gab oft weniger Fleisch als 250g...
...Besonders litt und leidet noch heute unter diesem Mangel die schwer arbeitende Industriebevölkerung. Um diesem Teil unserer Bevölkerung zu helfen, erließ Hindenburg bei Beginn des Winters 1916/17 einen flammenden Aufruf an die Landwirte und diejenigen, die selbst geschlachtet hatten. Hindenburg forderte diese auf, von ihren Fettvorräten einen kleinen Teil den Arbeitern zukommen zu lassen, die in der Rüstungsindustrie tätig waren. Diese Fettspende der deutschen Landbevölkerung erhielt den Namen „Hindenburgspende“. Wispenstein hat auch hier geleistet, was irgend möglich war. Ich selbst hatte mich in den Dienst dieser Sache gestellt. Sammelstelle war die Schule. Es wurden abgeliefert bei der 1. Sammlung im Januar 1917 61 kg. Speck, Schmalz und Wurst. Bei der 2. Sammlung Anfang März 23 kg. Dies war für unser kleines Dorf eine ansehnliche Leistung...

Im Dorf kam es mit zunehmender Verknappung zu Diebstählen

...Die Diebe, die wahrscheinlich von auswärts kamen, hatten es besonders auf Lebensmittel abgesehen und unterzogen meist die Vorratsstuben einer genauen Untersuchung. Dem alten Gärtner Streber wurden 2 Töpfe Schmalz gestohlen. In der Schmiede, bei Frau von Soest (der Sohn war Soldat) stahlen die Diebe 7 Hühner. ( Pappelstr.16). Ein zweites Mal, als der Sohn gerade auf Urlaub war, 1 Seite Speck, 2 Schinken, Brot und Semmel. (Anm. Meiner Mutter Auguste Strothe = 4 Kaninchen, Pappelstr.12) Auf dem Gute 4 Hühner und ein Kaninchen. Auf dem Gute drangen die Diebe erneut in die Schreibstube des Rechnungsführers ein. Hier wollten sie wahrscheinlich Geld holen. Sie fanden aber nur Invalidenkarten. Beim Bildhauer Theodor Lemensieck auf dem Placke (Fredener Str. 10) stahlen die Diebe Schmalz, Eier, Brot und Wurst. Um weitere Diebstähle zu verhüten, wurde eine Nachtwache eingerichtet. Jeder Wispensteiner musste alle 14 Tage eine nacht Wache halten. Es gingen immer 2 Mann zusammen. Sie begannen etwa um 11 Uhr mit ihrem Rundgang. Es wurden einige verdächtige Personen bemerkt, doch konnte keine von ihnen festgenommen werden. Die Diebe merkten aber, dass Wache da war, und sind bis heute (20.10.17) noch nicht wieder in Wispenstein gewesen...
Gründung einer Partei zur Festigung des Widerstandswillens

Parteigründung

...Im September 1917 wurde im Kreis Alfeld ein Kreisverein der Deutschen Vaterlandspartei gegründet, um allen Deutschen ohne Unterschied der politischen Parteistellung in der Stunde höchster Gefahr zu engem Zusammenschluss gegen die äußeren und inneren Feinde aufzurufen. Diese Feinde, vor allem der Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika Wilson, versuchte Uneinigkeit und Zwietracht in deutschen Landen zu säen und das Volk gegen seinen Kaiser und König aufzureizen. Diese Zwietracht zu bannen war der Wunsch aller vaterlandsliebenden Deutschen. Am 8. Oktober 1917 wurde hier eine Versammlung im Kruge abgehalten. Es wurde ein Ortsverein der Deutschen Vaterlandspartei gegründet. 32 Mitglieder traten dem Verein bei. Es ist dies wahrlich ein neues Zeugnis der vaterländischen Gesinnung unserer Ortsbewohner. Alle wollen trotz der Not der Zeit, trotz der ungeheuren Blutopfer, tapfer aushalten bis zum siegreichen Ende. In den Ausschuss des Ortsvereins wurden gewählt: Lehrer Otte, Bäckermeister Albrecht und Hofmeister Strottmann...

Verknappung von Brennstoffen und Bekleidung

...Kohlen konnten in diesem Winter 1917/18 nur auf Bezugsschein vom Händler bezogen werden. Der Bedarfsschein wird hier beim Vorsteher eingereicht. Dieser schickt ihn nach Alfeld an die Kohlenstelle. Dort wird der Bezugsschein ausgestellt. Jede Familie erhält nach Bedarf und nach Maßgabe des Holzes, das sie besitzt. Solche Familien, die kein Holz brennen, erhalten etwa 30 Zentner Kohle, Koks oder Briketts. 1 Ztr. Kohle kostet 3 M, Briketts 2,20 bis 2,50 M, Koks 2,85 M. Holz ist sehr teuer und nur in geringen Mengen zu erhalten. Beim letzten Verkauf in Doershelf kostete 1 fm. 25 – 30 M. Ich zahle für 1 m an Herrn Revierförster Schwarze 15 M...
...Für Bekleidungsstücke, sowie für Anzug und Kleiderstoffe und Stoffe aller Art (ausgenommen Seidenstoffe) ist schon im Laufe des Jahres 1917 die Bezugsscheinpflicht eingeführt. Wer sich also heute ein Bekleidungsstück (Hemd, Hose, Bluse etc.) oder auch nur Stoff kaufen will, muss erst zum Gemeindevorsteher Tönnies und sich von ihm einen Bezugsschein ausstellen und stempeln lassen. Auf diesen Bezugsschein wird vom Vorsteher die Notwendigkeit der Anschaffung bescheinigt. Dieser Schein wird dann der „Kriegsbekleidungsstelle“ in Alfeld vorgelegt. Die Bekleidungsstelle führt ein Verzeichnis über alle Familie des Kreises Alfeld. In das Verzeichnis werden alle Bekleidungsstücke eingetragen, die die Familie auf Bezugsschein erhält. Danach wird der Bezugsschein bewilligt oder abgelehnt. Nur dann, wenn der Bezugsschein von der Bekleidungsstelle gestempelt ist, kann man beim Kaufmann die Ware erhalten. Die Preise sind aber hoch. Ein Anzug kostet 300 – 400 m, 1 m Herrenstoff 63 M, 1 Seidenbluse 4050 M, 1 m Leinen 16 M. Es gibt heute auch Stoffe aus Papier. Aus diesem Papierstoff werden Hemden, Schürzen, Hosen, ja sogar ganze Anzüge gemacht...

Erste Friedensschlüsse

...Während dieser Zeit hat sich Deutschlands Lage sehr geändert. Es waren Friedensverhandlungen mit Russland eingeleitet. Es wurde in Brest-Litowsk verhandelt. Die Verhandlungen führten nur langsam zum Ziel, denn die russischen Vertreter versuchten die Verhandlungen in die Länge zu ziehen. Da überreichte ihnen unsere Regierung ein Ultimatum, in dem die deutschen Friedensbedingungen standen. Gleichzeitig begann unsere Armee mit ihrem Vormarsch. Dadurch kam dann schnell der Friede. Er wurde am 3. März 1918 in Brest-Litowsk abgeschlossen. Damit hat der Krieg gegen Russland sein Ende erreicht. Der Friede mit Rumänien wird nun auch bald erreicht sein. Wir in Wispenstein atmen erleichtert auf, denn jetzt haben wir wieder Hoffnung, dass auch an den anderen Fronten in diesem Jahr Friede wird. Der südliche Teil Russlands (Ukraine) schloss zuerst Frieden mit uns. Von dort werden wir Nahrungsmittel und Vieh erhalten und so hoffentlich in diesem Jahre nicht mehr so mit Ernährungsschwierigkeiten zu kämpfen haben als im Vorjahr. Jedenfalls ist an ein Aushungern Deutschlands nach dem Friedensschluss im Osten nicht mehr zu denken. England wird also diese Hoffnung begraben müssen und jetzt wohl auch in absehbarer Zeit Frieden schließen. Deshalb freuen wir uns in Wispenstein so sehr über den Friedensschluss mit Russland...

Verstärkte Kampfhandlungen an der Westfront

...Am 22. März brachte uns der Heeresbericht die Kunde vom lange erwarteten Angriff im Westen. Nachdem der Friede mit Russland geschlossen ist, soll er nun auch im Westen erkämpft werden, da unsere Feinde es nicht anders wollen. Freudig bewegt sind die Leute über den Sieg. Doch gedenken sie auch der großen Blutopfer, die dieser Kampf uns kosten wird. Hindenburg und Ludendorff haben dem deutschen Volke bisher alle Hoffnungen erfüllt. Sie werden uns auch jetzt zum Sieg im Westen führen. Voll Vertrauen sind wir alle in Wispenstein. Die Fahnen wehen von den Häusern. Heute am 25. März 1918 ist schulfrei. Die Erfolge der ersten Kämpfe im Westen lassen sich jetzt übersehen. Wir sind 60 km weit vorgerückt und stehen im Kampf mit den Amis. Viele Gefangene (75.000 bis heute), 500 Geschütze, eine Menge Maschinengewehre, reiche Mengen an Munition und viele Lebensmittel sind uns in die Hände gefallen. Wahrhaftig ein großer Sieg. Niemand, selbst mancher Deutsche nicht, hat es für möglich gehalten, dass wir den Engländer aus seinen stark ausgebauten Stellungen werfen könnten. Es ist mit Gottes Hilfe gelungen. Genugtuung und Siegesfreude erfüllen jeden mit dem ich spreche. Man hat jetzt doch Hoffnung, dass unser über alle Maßen tapferes Heer uns den Sieg erringen wird. Gott helfe weiter!

Die Kriegswende deutet sich an

...Anfang Juli 1918 begann unter Leitung des Generals v. Ludendorff eine neue Offensive. Die noch ungebrochene, tapfere Armee eroberte in kurzer Zeit den „Chemin des Dames“ und drang über die Aisne nach Süden vor. Jetzt steht sie an der Marne bei „Chateau Thierry“. Wir hoffen, dass uns diese Kämpfe den Frieden näher bringen. Deutsche Ferngeschütze beschießen Paris.
Die Franzosen, Amerikaner und Engländer ziehen große Heere an der Marne zusammen. Anfang August (5.u.6. etwa) sollte eine neue Offensive bei Reims beginnen um den Marnebogen zu erweitern. Wie es heißt, ist der Angriff verraten. Jedenfalls haben unsere Truppen nichts erreicht. Die Franzosen hatten ihre Vorstellungen nur schwach besetzt. Ihre Hauptkräfte standen in Reserve. Es ist das erste Mal im Verlauf des Krieges, dass unsere Heeresleitung in ihrem Tagesbericht von einem Misserfolg berichten muss. Unsere Armee räumt den Bogen der deutschen Front, der bis an die Marne vorspringt...

Der Zusammenbruch

...Diese 4 Monate sind die schwersten des Krieges. Sie brachten den deutschen Zusammenbruch. Als ich die Nachricht von der Kieler Revolution und von den Unruhen in Hannover und anderen Städten Norddeutschlands bekam, lag ich krank im Bett. Ich hatte die Grippe. Ich konnte fast den Zeitungsmeldungen nicht glauben. Ich wollte es nicht glauben, dass das deutsche Volk sich selbst wehrlos machte. Leider entsprach es den Tatsachen am 12. November sah ich den ersten Zug auf der Bahnstrecke Hannover – Kassel mit roten Fahnen vorbeifahren. Ich musste die Tränen zurückdrängen, als ich sah, wie man die roten Fahnen der Internationale aus den Zügen schwenkte. Wie die Leute sich leichtgläubig erzählten, dass die Franzosen und Engländer in ihren Schützengräben auch rote Fahnen hissten. In dem Zug der an Wispenstein vorbeifuhr, die auf der Fahrt nach Mitteldeutschland waren. Über die Ursache der deutschen Revolution und des Zusammenbruchs, der in dieser kritischen Zeit niemals hätte kommen dürfen, sind die Meinungen im deutschen Volke sehr geteilt. Ich selbst überschaue auch jetzt nach 4 Monaten den Sachverhalt nicht so, dass ich mir ein Urteil darüber erlauben darf. Ich will dies Urteil späteren Zeiten und der Geschichte überlassen...

Sieg der Revolution

...Der Kieler Matrosenaufstand hatte bald auf Wilhelmshaven und Bremen übergegriffen und schon am 7. November hatten Kieler Matrosen in Hannover den Bahnhof und die militärischen Verwaltungsgebäude besetzt. Die zur Bekämpfung der Bewegung herangezogenen Truppen gingen zu den Aufständischen über oder ließen sich gefangen nehmen. An dem selben Tage waren auch in Köln mittels Sonderzuges eine Abteilung Matrosen eingetroffen und hatte dort die Gefängnisse besetzt und die Gefangenen befreit. Die Revolution war nicht mehr aufzuhalten. Dem Kaiser war über die Lage Bericht erstattet und er entschloss sich am 8. November zur Abdankung. Ihm folgten fast sämtlich Throninhaber Deutschlands nach, andere wurden abgesetzt und alle deutschen Staaten wurden als freie Republiken ausgerufen. In Berlin geschah dieses am 9. November. Die Gewalt übten überall Arbeiter und Soldatenräte aus. Größtenteils verlief die Revolution unblutig. In Hannover und Berlin kam es jedoch zu einigen Schießereien. Vom 10. November an waren die Eisenbahnzüge mit Soldaten besetzt, die sich alle mit roten Schleifen und Kokarden geschmückt hatten. Sie kamen meist aus den Garnisonen oder der Etappe. Auch einige Wispensteiner kehrten bald nach der Revolution zurück. Es waren meist junge Leute, die sich noch zur Ausbildung in den Garnisonen befunden hatten. Die Fronttruppen kehrten erst einige Wochen später in die Heimat zurück. Ich sah bei ihnen nur ganz vereinzelt rote Abzeichen oder Schleifen...

Der Waffenstillstand

...Da Deutschland die Waffenstillstandsbedingungen angenommen hatte, wurden die Feindseligkeiten am 11. November 1918 mittags 11 Uhr französischer Zeit eingestellt. Die Bedingungen unserer Feinde sind sehr hart. Ich verzichte darauf, sie an dieser Stelle aufzuführen, da sie später wohl in jedem Geschichtswerk zu finden sind...