Lagerfeuer im Bienenhaus
Carsten Lemensieck

Während die Eltern heute darauf achten, dass die Kinder bei dem starken Straßenverkehr zum Spielen möglichst auf dem Grundstück bleiben, dehnte sich unser Aktionsradius in den 50er Jahren vom Deubelsköppen über die Lieth und den Nattenberg bis an die große Bahnbrücke. Wenn die Schularbeiten gemacht waren (oder auch nicht!), konnten wir uns nach Herzenslust austoben. Wurde es dann Abend, drifteten wir automatisch mehr in Richtung Dorfmitte, denn nach einem anstrengenden Tag hatten wir ziemlichen Hunger (persönlicher Rekord: 10 Scheiben von einem Sechspfundbrot mit Margarine und Bienenhonig) und wollten auch den Lockruf der Mutter zum Abendessen nicht verpassen. Im Fernsehen verpasste man nichts. 1955 besaßen erst 3 Familien einen Fernseher. Außerdem gab es nur 2 – 3 Stunden Abendprogramm mit 20-minütigen Umschaltpausen. Besonders schön war für uns der Spätsommer und der beginnende Herbst. Es wurde abends früher dunkel und im Schutz der Dunkelheit konnte man zum Beispiel schon mal die Äpfel in einem der vielen Gärten probieren.

Mein Vater hatte zwei Hobbys: den Amateurfunk und die Bienenzucht. Beide bargen ihre Gefahren in sich. Die zum Teil offenen Kurzwellensender hatten an manchen Punkten eine Spannung von 4000 Volt. Eine Berührung konnte tödlich sein. Ich lernte, mich vorzusehen, wie dieser Bericht beweist. Viel unangenehmer waren die Bienen. 1952 hatten wir ein Bienenhaus gebaut und darin befanden sich 10 bis 15 Bienenkästen, aus denen die Bienen im Sommer nur so herausströmten, um Honig zu suchen. Stand ich mit der Hacke in einem der Beete, um Unkraut zu bekämpfen, kamen die Bienen mit zornigem Summen angeflogen und versuchten mich zu stechen. Wenn man dann nicht schnell genug rannte, verfingen sie sich im Haar und man konnte sie dann nur noch mit einen kräftigen Schlag mit der flachen Hand kampfunfähig machen. Stiche im Kopfbereich waren recht schmerzhaft und manchmal schwoll das Auge vollkommen zu wie bei einem Boxer. Man Vater lachte darüber, denn er war gegen das Gift seit langem immun.

Im frühen Herbst wurden die Abende kürzer und kühler und man konnte sich gefahrlos im Garten bewegen, weil die Bienen mit der früheren Dämmerung in Ihren Stock heimkehrten. Damals war ich eng mit Herbert Ergezinger befreundet. Er ging in die gleiche Schule wie ich und wir hatten auch viele gemeinsame Interessen. So schwärmten wir nachmittags aus, gingen auf den Oberg oder legten Pfennige auf die Gleise, die dann von den heranbrausenden Zügen plattgewalzt wurden oder rauchten mal einen „Joint“ aus wildem Wein.

Irgendwann kamen wir auf die Idee, unsere Abende in der Geborgenheit des Bienenhauses zu verbringen. Das war nicht ganz unproblematisch. Mein Vater liebte seine Bienen sehr. Durch Fütterung im Herbst mit dickflüssigem Zuckersirup machte er die Völker stark genug, auch lange Winter zu überstehen und so konnte es durchaus sein, dass er abends noch einmal nach seinen Lieblingen schaute. Doch wir fanden es toll, auf den Bienenkästen zu sitzen und uns über „die Dinge des Lebens“ zu unterhalten, soweit wir sie verstanden, denn das Fernsehen gab damals noch keine Hilfen. Gegen plötzliches Auftauchen von „Störenfrieden“ hatten wir eine Warnanlage erfunden. Sie bestand aus einer Batterie, einer Lampenfassung mit Glühlampe und einem Schalter, der dann ansprach, wenn an der Öse gezogen wurde, die mit einer Schnur verbunden war, die in Fußhöhe quer durch den Garten gespannt war. So stellten wir jeden Abend unsere Warnanlage auf, testeten sie sorgfältig und verschwanden dann zu unserem „Clubabend im Bienenhaus“. Die Gärten von Siegers und Käse waren damals noch unbebaut. Daher konnte uns niemand sehen. So saßen wir dann und genossen unsere Heimlichkeiten im Schutz einer Alarmanlage. Das Fluchen eines zu Fall gekommenen Eindringlings wäre wohl mehr Warnung gewesen.
Die Geborgenheit des kleinen Häuschens war leider dadurch getrübt, dass es innen vollkommen dunkel war, zum anderen wurde es mit dem fortschreitenden Herbst empfindlich kühl. Wir sonnen auf Abhilfe. Zuhause fand ich eine alte Petroleumlampe, die unten einen hübschen Glasbehälter hatte. Der Docht reichte für lange Zeit und der Zylinder hatte nicht einmal einen Sprung. Zum Glück gab es vor dem Siegers’schen Garten eine Baustelle. Jeden Abend zündete einer der Straßenarbeiter eine Petroleumlaterne an, die er zuvor sorgfältig gefüllt hatte. Wir empfanden das als willkommene Chance, relativ günstig an Petroleum zu kommen, schlichen durch den Garten, löschten die Lampe für kurze Zeit, füllten unseren Glasbehälter und hängten die Laterne wieder auf. Wenn ich heute daran zurückdenke, überfällt mich ein Schauder, weil mir bewusst wird, was dort hätte passieren können, wenn ein Auto in die ausgehobene Grube gefahren wäre, nachdem die Laterne irgendwann in der Nacht verloschen war. Allerdings hielt sich der Autoverkehr noch in Grenzen. Passiert ist ja auch nichts.

Unangenehm war die Kühle des Abends, die sich nach einiger Zeit bemerkbar machte. Sie kroch allmählich unsere Füße und Beine hoch. Ich kam dann auf die Idee, zuhause Holz zu spalten, denn wir hatten Holz in Hülle und Fülle. Durch eine Holzgerechtsame bekamen wir jedes Jahr 12 Festmeter, die in einem eigenen Holzstall gelagert wurden. Bedauerlicherweise lag dieser im Blickfeld meiner Mutter und die hätte sich schon gewundert, warum ich ohne Grund anfing, sehr sorgfältig Holz zu zerkleinern, denn sie wusste ja, wie sehr mich Holzhacken deprimierte. Diese Tatsache ruft bei allen Mitgefühl hervor, die mal als Kind vor einem Holzhaufen von 12 Festmetern gestanden haben, der sich nach dem Sägen wie ein Berg vor einem türmte. Trotzdem versuchte ich immer, einige „Splittern“ in den Garten zu schmuggeln.

Manchmal wurde unsere Diskussionsrunde sehr lang, weil es so behaglich war, an einem kleinen Feuer zu sitzen, das wir auf einem Marmeladeneimerdeckel entfacht hatten. Dann ging uns das Holz und damit das Feuer aus. Der Garten gab nichts her, weil früher eh’ alles sofort verbrannt wurde. Außerdem war eine unerwünschte Rauchentwicklung zu befürchten.

Im Bienenhaus gab es damals einen kleinen Dachboden, dessen Zugang nur mein Vater und ich kannten. Dort oben lagerten die „Rähmchen“ für die Waben des nächsten Jahres. Sie bestanden zwar nur aus Fichtenholz, aber die Leisten waren sehr sorgfältig bearbeitet, damit sie in die Halterungen des Bienenkastens passten. Mit dem prickelnden Bewusstsein etwas Unerlaubtes zu tun, holte ich einige vom Dachboden, zerkleinerte sie und hielt damit das Feuer am Leben. Durch das Wachs, das an den Waben klebte, breitete sich ein feiner Duft in dem kleinen Raum aus.

Mein Vater saß abends oft in seiner „Funkbude“. Um vor folgenträchtigen Überraschungen für uns geschützt zu sein, brauchte man nur durch Siegers Garten zu schleichen und sah dann vom Mühlenstieg aus das erleuchtete Fenster. Brannte das Licht, fühlten wir uns sicher.

Irgendwann war ein ganzer Karton verheizt, ca. 25 Rähmchen. Der Karton verschwand, die übrigen wurden auf dem Dachboden vorgerückt. Unsere Spuren verwischten wir sehr sorgfältig. Dazu gehörte auch, eine Imkerpfeife mit Wellpappe anzustecken und deren Rauch solange in den Raum zu blasen, bis er den Duft des Bienenwachses überdeckte.

Im nächsten Frühjahr wurden die Kartons vom Boden geholt. Ich werde nie das grübelnde Gesicht meines Vaters vergessen, der zweifelnd seine Kartons anschaute, und nicht ergründen konnte, warum er so wenig Rähmchen hatte. Allerdings wage ich  nicht, mir vorzustellen, was passiert wäre, wenn mein Vater den Frevel herausbekommen hätte.