Aus der Vereinsgeschichte

Die 60-jährige Wiederkehr des Gründungsjahres des MTV Wispenstein gibt Veranlassung zu dieser Festschrift. „Sechs Jahrzehnte sind eine lange Tid, wenn man sie vor sich liegen sieht, sechs Jahrzehnte sind eine kurze Spann, sieht man sie von hinten an.“ Solche Gedanken mögen die noch lebenden Mitbegründer des Vereins in diesem Jahre bewegen. Die zwar relativ kurze Zeit füllt sich dennoch mit Menschen und Schicksalen, mit zwei Weltkriegen und spannungsreichen „Friedenszeiten“.

Jubiläums-Erinnerung ist ein Verweilen und eine Rückschau auf die verflossene Periode.

„Geschehen im Gasthaus „Zur Linde“ am 01.08.1908:
Es traten mehrere junge Leute zusammen, um einen Turnverein zu gründen unter dem
Namen Männer-Turn-Verein Wispenstein.“

Mit diesem Satz beginnt das Protokoll des ins Leben gerufenen Vereins.

Der gewählte Vorstand setzte sich wie folgt zusammen:

Marten - 1. Vorsitzender                                                                H. Wiese - Kassierer

H. Kettler - stellv. Vorsitzender                                                       F. Victor - 1. Turnwart

A. Justus - Schriftführer                                                                 G. Uhde - 2. Turnwart

K. v. Soest - stellv. Schriftführer                                                      H. Laue - Zeugwart

Nun folgt die erste Panne im 1. Protokoll: Begriffe wie Mitglieder, Turner, Zöglinge und Passive sind gegeben, die freie Stelle für die Eintragungen der Mitgliederzahl ebenfalls - doch die Zahl selbst fehlt.

Nehmen wir den gewichtigen Vorstand und einige Andeutungen der nachfolgenden Protokolle, könnte die Mitgliederzahl bei 30 gelegen haben.

Es folgt eine Eintragung, die uns nachdenklich stimmen sollte: Monatsgeld (Beitrag) 0,50 DM - und heute bei mehrfachem Einkommen - dasselbe. Wer wagt es da noch zu meckern! Ein Hoch den Kassierern, die diesen Zauberakt vollbrachten und vollbringen. Es entspricht dem Charakter von Protokollen, nur die Tatsachen nüchtern festzustellen. Das nimmt uns heute die Möglichkeit ins „Innere“ des Vereinskörpers einzudringen. Bleiben wir also bei den Realitäten.

In den nächsten Protokollen erscheinen die üblichen Vereins Angelegenheiten: da wird Stellung genommen zu Fahnen-Weih-Festen, zu Stiftungsfesten, zum jährlichen Vereinsball, aber auch zu Vereins-, Kreis- und Landesturnfesten. 1911 schließt der Verein eine Unfallversicherung für die Turner ab. Im selben Jahr trat der Verein dem Unter-Leine-Weser-Gau bei. Er wurde auch Mitglied des Deutschen Turnerbundes. Es wechselten im Laufe der Jahre die Namen der Mitglieder. Krieg, Krankheit, Alter und Tod rissen Lücken in die Reihen. Die einen starben jung - die anderen etwas später: uns zur Mahnung an die Vergänglichkeit allen Seins. Zu den traditionellen Ereignissen gehören die Wanderung am Himmelfahrtstag und das „kalorienreiche niedersächsische Braunkohlessen“ nach vorangegangenem feuchtfröhlichen Anlauf. Weg und Zielort wechselten jährlich: Röhnkrug, Apenteiche, Raabeturm, Tafelberg, Hagental.

Mit dem Winterball war meist ein Schauturnen verbunden. Am Nachmittag traten die Aktiven in der Turnhalle oder auf dem Saale an, um ihr turnerisches Können interessierten Zuschauern zu zeigen. Die Vorführungen standen auf beachtlicher Höhe. Sie waren Ziel und Anerkennung intensiver Vereinsarbeit. Zugleich wirkten sie werbend auf Außenstehende, was auch beabsichtigt war. Hier wäre etwas über die Turnstätte zu sagen. Eine Turnhalle war nicht vorhanden. Jahrelang wurde der Saal in der „Linde“ benutzt. Im Sommer traf man sich auf dem freien Platz vor der Gärtnerei. Ein großartiger Gedanke: Turnen und Sport sollen ja nicht den geistlosen Muskelprotz züchten. Es gilt Herz und Lunge in frischer Luft zu stählen, den harmonischen Menschen zu bilden.

Es blieben die Sorgen im Winter. Das Protokoll vom 7.3.1924 spricht dann auch von der Beschaffung einer „besseren Turngelegenheit“. Man dachte an den Marstall. Die übliche Kommission wurde gebildet. Bereits am 3.5.1924 teilte sie ihren Erfolg mit: der Marstall war zur Turnhalle freigegeben. Es gab allerlei auszuräumen und herzurichten. Am 16.22. des gleichen Jahres fanden die Einweihung statt. Man hatte sie mit einem Schauturnen  und dem Wintervergnügen verbunden. Doch die Feststimmung konnte die noch vorhandene Unzulänglichkeit der Turnstätte nicht verdecken. Immer wieder sprechen die Protokolle der folgenden Jahre vom weiteren Ausbau der Turnhalle. Kurz vor dem 2. Weltkrieg, am 26.7.1939 wurde der „Umbau der Turnstätte zu einem lichtvolleren, luftigeren d. h.. gesundheitsfördernden Raum“ vorgeschlagen. Anträge auf eine einmalige Unterstützung werden bei der Gemeinde und beim Kreis gestellt. Nach den Plänen von K. Bohnsack entsteht während des Krieges ein entsprechender, zweckdienlicher Raum. Noch heute wird dort geturnt und gespielt.

Am 12.1.1921 kam man auf die löbliche Idee, auch Sport zu treiben. Faustball und Schlagball sollten ein Gegengewicht zum Turnerischen geben.

Zum Turnen und Sport kam dann noch das musikalische Element. Im August 1924 wurde eine Pfeifer- und Trommlergruppe aufgestellt. Übungsabende wurden vereinbart und bald ertönte bei festlichen und anderen Gelegenheiten flotte Marschmusik, die manchen Außenstehenden in die Reihen der Turner zog.

Auch in anderer Weise waren die Männerturner fortschrittlich. Im Protokoll vom 11.6.1932 wird zum Ankauf einiger Ruten Wiese an der Leine geraten, um die Badestelle zu sichern. Für die damalige Zeit ein kühner Vorstoß.

Im Jahre 1935 kam das Vereinsleben leider völlig zum Erliegen.

Am 10.12.1938 erfolgte nach vorhergegangener Fühlungsnahme ein Wiederaufleben des Vereins. Das Beitragsgeld betrug im Vierteljahr 1,- RM!

Es kam der 2. Weltkrieg. Der Turnbetrieb konnte nur bedingt aufrecht erhalten werden. Wie schon erwähnt, wurde die Turnhalle instand gesetzt. Die allgemeine Depression nach dem Kriege führte in den ersten Jahren zu einer Stagnation auf fast allen Gebieten. Der Selbsterhaltungstrieb kannte nur ein Ziel: überleben.

Auch der Verein überlebte. Am 1.8.1948 konnte das 40jährige Stiftungsfest in der Feldscheune gefeiert werden. Auf dem Oberg, dem stattlichen Hausberg Wispensteins, führten Männer- und Damenriegen ihr erworbenes Können vor, unter einem freien, strahlenden Himmel. Hier stößt die Erinnerung auf den 20.6.1948, den Tag der Einführung der neuen Währung. Es war schon ein Risiko 6 Wochen später das Fest zu starten. Für eine kurze Zeit waren alle sozialen Unterschiede aufgehoben. Es gab keine „Kapitalisten“ und „Habenichtse“, alle waren gleich arm und reich: 40,- DM Kopfgeld.

Der Verein hatte ja auch die Inflation nach dem 1. Weltkrieg überstanden. Nach den Protokollen wurden Beiträge in Höhe einiger Tausender kassiert. Im April 1923 wurde eine Fahne für 350.000 Mark gekauft. Im November desselben Jahres hätte sie einige Billionen Mark gekostet! Erst die Einführung der „Rentenmark“ beendete diese Inflation; 1 Billion Mark = 1 Rentenmark (RM).

1948 verbreitete sich ein neuer Sport: aus dem „Pingpong“ erwuchs das beliebte Tischtennisspiel. Es ist inzwischen in die Weltrangliste aufgenommen. Der Verein trug dieser Entwicklung Rechnung und rief eine Sparte T.T. ins Leben. Organisation und Leitung übernahmen bewährte Turner. Das Jahr 1953 war ein ereignisreiches Jahr. Das Ringen um den Kauf des Sportplatzes erreichte seinen Höhepunkt und sein Ziel. Trotz erheblicher Widerstände wurde der Sportplatz Eigentum der beiden Gemeinden. Die Übergabe erfolgte am 7.6.1953. Turnen, Sport und Spiel umrahmten die Einweihung. Im selben Jahr fand das Kreiskinderturnfest auf dem neuen Sportplatz statt. Es lockte nicht nur die Spielwiese, es war auch Anerkennung konsequenter Vereinsarbeit unter der Führung von K. Brodtmann.

Am 1.8.1953 konnte der Verein auf sein 45jähriges Bestehen mit Stolz zurückblicken. 35 Turner, Turnerinnen und Sportler nahmen an den Vereinsmeisterschaften aktiv teil und ermittelten in den einzelnen Klassen ihre Besten. Am Abend folgte die Siegerehrung. Zugleich wurden Ehrenauszeichnungen an die Jubilare gegeben. Es erhielten für über 40 Jahre treue Mitgliedschaft das goldene Ehrenzeichen: Wilhelm Marten, Heinrich Kettler, Ernst v. Soest, August Albrecht, Heinrich Laue, Ernst Grotjahn, Karl Kühne, Karl Brodtmann, Erich Glenewinkel, Heinrich Lohmann und für über 25 Jahre das silberne Ehrenzeichen: Karl Dietz, August Siegers, Friedrich Brodtmann, Walter Marten, Hermann Bertram, Karl Bohnsack, Bernhard Gisder, Karl Ahlswede und Wilhelm Lemensiek.

Meilensteine im Vereinsleben sind nun mal die Jubiläen. Vom 28. - 30.6.1958 feierte man den 50. Geburtstag. Ein halbes Jahrhundert, ausgefüllt mit Freude und Leid, mit Aktivität und Passivität kennzeichnetet den Weg. 13 Vereine aus der Umgebung waren zu Gratulationen erschienen und beteiligten sich am Festumzug. Das ganze Dorf „war auf den Beinen“ als die schmucken Turnerinnen und Turner durch den festlich hergerichteten Ort zogen. An diesem Gedenktag wurde auch des 10jährigen Bestehens der Fußballsparte gedacht 

Am 14.9.1963 feierte der MTV sein 55jähriges Bestehen mit einer mehr internen Veranstaltung. König Fußball beherrschte mit Knaben- und Aktivmannschaften am Nachmittag den Sportplatz. Anschließend erfolgte in der Turnhalle ein Schauturnen, an dem vom Jüngsten bis zum 70jährigen alle aktiven Turnerinnen und Turner teilnahmen. Am Spätnachmittag gab es für die Kinder eine Kaffeetafel.

Am Abend sprachen Turngauvorsitzender Dr. Blenke und Ehrenvorsitzender Karl Runge, Freden. Dr. Blenke verlieh die goldenen und silbernen Vereinsnadeln. Als beispielhaft erwähnte er den Ehrenvorsitzenden Karl Brodtmann, der 55 Jahre aktiv an erster Stelle mitgearbeitet hat und als 70jähriger noch immer als Oberturnwart der Motor des Vereins ist. Als verdiente Anerkennung überreichte er ihm die Ehrennadel des Deutschen Turnerbunde

In diesem Jahr (1968) begeht der Verein sein 60jähriges Bestehen. Umfangreiche Vorbereitungen sind angelaufen. Wir wünschen einen erfolgreichen Verlauf.