Die ehemalige Wispensteiner Schule lag mitten im Dorf, da wo die Straße nach Imsen abzweigt. In den ersten Jahren nach dem Krieg wurden dort jeweils 4 Jahrgänge gemeinsam unterrichtet. Entsprechend viele Kinder stürmten nach der Schule auf die Straße und eilten sich dann in Richtung Wegelange, Plack, über den Burganger oder die Pappelstraße nach Haus. Manchmal gingen sie bei Julius Bude vorbei. Julius Ergezinger verkaufte damals eine hellgrüne und rosa Tütenbrause, die sich in der Handfläche prima mit Spucke aufschäumen ließ und nur 5 Pfg. kostete. Mancher Groschen, der für die Spardose gedacht war, ging dort verloren.
Der interessanteste Heimweg war der über die Pappelstraße. Rechts floss trübe der Mühlgraben. Bei klarem Wasser offenbarte er die Vielfalt der von den Anwohnern entsorgten Gegenstände. Da Jungs fast alles gebrauchen können, wurden Sachen, die sich zum Spielen eigneten, wieder herausgeangelt. Es war eine frühe Form von Recycling.

Eines Tages trollte ich mich mit einigen meiner Schulkameraden über die Pappelstraße nach Haus. Kaum waren wir aus dem Nahbereich der Schule wurden die Gespräche lauter und nach den anstrengenden Schulstunden suchten wir eine interessante Ablenkung. Viel gab es nicht zu sehen, doch dann stand am Sauthoffschen Haus ein rothaariger Mann mit einem Topf Farbe in der Hand und strich den Fensterrahmen links neben der Eingangstür grün. Wir hielten an und schauten interessiert zu. "Na Jungs, habt ihr was gelernt heute?" fragte er. Keiner gab Antwort. So kurz nach dem Unterricht so etwas gefragt zu werden stieß auf unsere Ablehnung. Statt dessen sagte einer meiner Mitschüler: "Mal dem mal ne grüne Nase?" Zu meinem Schrecken war ich gemeint . Im Vertrauen darauf, dass der Maler solches Ansinnen zurückweisen würde, lief ich nicht weg. Das war mein Fehler. Mit einer unverdächtigen Bewegung stellte der Maler blitzschnell seinen Farbtopf ab, ergriff mich, nahm mich in den Schwitzkasten und schwupps leuchtete die Nase in hellem Grün. Ich fand das gar nicht lustig. Die anderen Jungs lachten sich kaputt über meine Verzierung. Ich begab mich auf den Heimweg. Ein Taschentuch zum Abreiben der Farbe hatte ich nicht. Der Jackenärmel erschien mir nach sorgfältigem Abwägen ungeeignet. Fragen von Anwohnern nach der Ursache für meine Verschönerung überhörte ich, weil ich damit beschäftigt war, eine Erklärung für meine Eltern zu finden. Als meine Mutter mich sah, fragte sie empört nach dem Übeltäter. Ich erzählte die Geschichte wahrheitsgemäß, wobei ich das Verhalten meiner Mitschüler auf das Schärfste verurteilte. Eine richtig gute Entschuldigung war mir diesmal nicht eingefallen. Meine Mutter murmelte etwas von "Unverschämtheit" und "unverantwortlichem Verhalten", stieg in den Keller und holte dort die Flasche mit Terpentinersatz. Ein alter Lappen wurde befeuchtet. Anscheinend war die Farbe noch Vorkriegsware, weil mehrere Durchgänge erforderlich waren, um die Farbe zu entfernen. Die Nase war erstrahlte danach durch das heftige Reiben mit einem rauen Tuch in hellem Rot und ich roch wie ein Malerlehrling im ersten Lehrjahr.
Leider war die Geschichte damit noch nicht zu Ende. Am nächsten Tag blieb ich nach der Schule vorsichtig hinter den anderen zurück um nicht wieder Gefahr zu laufen, Opfer dieses Malers zu werden Vorsichtig peilte ich die Pappelstraße entlang. Die Luft war rein. Erleichtert ging ich weiter. Das war mein Verhängnis. Als ich das Sauthoffschen Haus passierte, kam der Maler mit seinem Farbtopf aus dem Haus um das rechte Fenster zu verschönen, sah mich und schon war ich mit den Worten "Ach da ist ja mein Freund" erneut in den Schwitzkasten genommen und erhielt einen Grünanstrich. Meine Mutter war außer sich und stieß eine Menge Drohungen aus. Allerdings geschah wohl nichts. Es gab damals Dinge, die wichtiger waren als grüne Nasen und außerdem - wenn diese Geschichte nicht passiert wäre könnte man sie nicht erzählen, nachdem nunmehr 50 Jahre vergangen sind.

Carsten Lemensieck