Roland Kernchen

Das Mühlengebäude mit seinen vielen Räumen, die dazugehörende Scheune mit Sägemühle und Dreschmaschine, die Wehranlage am Mühlengraben, der Holzlagerplatz der Zimmerei und der Zimmerplatz selbst boten für uns Kinder einen natürlichen Abenteuerspielplatz, wie ihn heute sicher kein Kind in unserer Gegend mehr vorfindet. Natürlich hätte ich meinen Kindern später niemals erlaubt, an solchen, teilweise recht gefährlichen Plätzen zu spielen, natürlich war es auch uns damals strengstens verboten, dort unseren Vergnügungen nachzugehen. Und wenn irgendwo ein Erwachsener auftauchte, wurden wir natürlich schnellstens verscheucht. Doch meistens hatten die Erwachsenen ja etwas anderes zu tun, und so fanden wir immer wieder reichlich Möglichkeiten, uns an den aufgezählten Stellen auszutoben.


In der Mühle

Die Mühle hatte für mich als Kind ihre Licht- und Schattenseiten. Neben den zahlreichen Spielmöglichkeiten gab es viele dunkle, angstmachende Ecken und Winkel. Und die beiden Müllergesellen Glenewinkel und Wille machten sich einen Spaß daraus, die Furcht durch geheimnisvolle Bemerkungen noch zu schüren. Das galt besonders für den täglich notwendigen Gang zum Plumpsklo hinten im Stall, speziell am Abend. Im Mühleneingangsflur war kein Licht, so dass ich mich bis zur Zwischentür zum Mühlenraum tasten musste. Die von einer Federzugautomatik zugehaltene Tür musste unter Aufbietung aller Kräfte aufgezogen werden, begleitet von einem quietschenden, schleifenden Geräusch. Auf der Mühlenseite des Türrahmens wurde dann der Lichtschalter suchend ertastet. Lief die Mühle, so übertönte das Klatschen der Treibriemen, das Surren der Räder andere mögliche Geräusche. War aber Stillstand, so knackte es hier, raschelte es dort! Unheimlich! Schnell lief ich in Richtung Stall, dessen ebenfalls schwergängige Eisentür schon im Halbdunkel lag; das Mühlenflurlicht reichte nicht bis dort. Besonders beklemmend war kurz davor eine im Dunkeln verschwindende Bodenvertiefung, wo sich die automatische Waage befand, denn vor dieser Stelle hatte uns der Geselle Wille mit geheimnisvoll raunender Stimme immer wieder gewarnt. Schnell vorbei, die Eisentür aufgestemmt und wieder zugedrückt, wieder im Dunkeln den Lichtschalter im Stallgang ertastet. Er war direkt neben der Kellertür, und dahinter konnte auch Unheimliches lauern, zumindest in der Phantasie eines ängstlichen Kindes. Am Ende des Ganges, an der Innenseite der Mühlenaußenwand waren nebeneinander die beiden Verschläge der Plumpsklos, eines für unsere Familie, das andere für die Müller. An der linken Wand davor waren zwei Schweineställe hinter Gitterstäben, in denen in den 50er Jahren ein oder zwei Schweine grunzten. Dann gab es an dieser Seite noch einen schmalen, schummrigen Durchgang zur Garage, die früher mal Pferdestall war. Die Kenntnis dieses Durchgangs war wichtig bei Spielen, denn man konnte sich hier hindurch von außen durch die Garage jeder Verfolgung entziehen, um später an der entgegengesetzten Seite des Mühlengebäudes wieder aufzutauchen.

Die Klos selbst, ein rundes Loch in einer hölzernen Sitzplatte, befanden sich direkt über der Mist- und Jauchegrube. Das brachte, je nach Jahreszeit, gewisse Beeinträchtigungen mit sich. Im Sommer, bei Hitze, schwirrten Fliegen in großer Zahl dort herum; im Winter zog ein Schwall eiskalter Luft von außen und unten herein. Aufgewogen wurden die Unannehmlichkeiten durch die dort stets benötigten Zeitungen, die die Lektüre der (meist bereits gelesenen) Sportseiten und der vielteiligen Fortsetzungsromane ermöglichten, letzteres aber ohne einen inneren Zusammenhang der Geschichten erkennen zu können. Manchmal huschte auch eine Maus am Schweinefresstrog entlang. Aber die Gräuelgeschichten der Erwachsenen über aus der Mistgrube heraufkletternde Ratten haben sich bei mir glücklicherweise nie bestätigt, beeinträchtigten aber auch den Aufenthalt auf diesem „stillen Ort“.

Kommen wir aber nun zu den Spielmöglichkeiten in der Mühle, die alle grundsätzlich nicht ungefährlich waren. Am attraktivsten war das Fahren mit dem Aufzug, der Personen und Getreide- und Mehlsäcke nach oben und unten transportierte. Von allen Kindern beherrschte nur ich aufgrund der alleinigen Übungsmöglichkeit dieses Gefährt. Der Aufzug bestand im wesentlichen aus der etwa 1 qm großen Bodenplatte aus Holz und der hölzernen Rückwand, die aneinander befestigt waren und die Fahrbühne bildeten. Die war an einem breiten Gurt aufgehängt, der sich im obersten Stockwerk auf einer Trommel der Fahrstuhlwinde aufwickelte. An dem Bremsrad der Winde war das im Fahrstuhlschacht hängende Steuerseil befestigt Es war das wichtigste Utensil zum Bewegen des Aufzugs. Stand man unten auf der Platte und zog kräftig am Seil, so wurde die Bremse oben gelöst, die Winde auf „Hochziehen“ umgestellt und man glitt Hand über Hand nach oben; ließ man das Seil zurückspringen, stand der Fahrstuhl still, entweder an den Ausstiegen der drei Stockwerke oder auch dazwischen, wenn man wollte.

Sensibler musste man bei der Abfahrt vorgehen: Ein leichter Zug (und Halten des Seiles!) löste oben die Bremse etwas, man fuhr langsam nach unten. Stärkeres Anziehen beschleunigte die Fahrt zum rasanten Tempo, leichtes Loslassen des Seiles ließ die Bremse oben an der Winde wieder greifen, die Fahrt wurde verlangsamt. Das war von entscheidender Bedeutung, wenn man sich dem Erdgeschoss näherte, denn eine Unachtsamkeit beim Handhaben des Seiles ließ die Bühne auf den Boden aufknallen, was trotz des untergefütterten Gummireifens schmerzhaft sein konnte, und auch der Fahrstuhlgurt an der Rückwand rollte sich oben ein Stück ab, so dass man ihn unten auf den Kopf bekam. Die Abfahrten verursachten jenes angenehme Kribbeln im Bauch: je schneller es ging, um so stärker kribbelte es. Eigentlich durfte ich zu diesem „Spiel“ keine anderen Kinder dazunehmen, und so waren es auch immer nur wenige Auserwählte, die in diesen Genuss kamen. Die geringe Größe der Plattform begrenzte die Teilnehmerzahl ohnehin, und dann durfte auch keiner der Müller oder mein Vater in der Nähe sein.

Neben den unendlichen Möglichkeiten zum Versteckspielen, die das Mühlengebäude mit seinen vielen Maschinen und Räumen bot, freute ich mich natürlich besonders über die Gelegenheit, bei schlechtem Wetter auf den beiden großen Schüttböden Fußball spielen zu können, wenn dort gerade kein Getreide lagerte. Ich kann mich an nur zwei zerschossene Fensterscheiben in mehreren Jahren erinnern, denn wir mussten dort lernen, den Ball flach zu halten!


Vom Turbinenkeller zur Sägemühle

Ganz unten in der Mühle, mehrere Treppenstufen tiefer als das Erdgeschoss, lag der Turbinenkeller, wo sich die beiden Turbinen zur Umsetzung der Wasserkraft befanden. Dort war es immer laut, wenn die Hauptturbine lief, sehr eng und meist feucht, häufig stand dort Wasser. Attraktiv für mich am Turbinenkeller war nur die (natürlich verbotene) Möglichkeit, durch den Treibriemengang für die ehemalige Sägemühle in den Sägemehlkeller zu gelangen und damit das Scheunengebäude zu erreichen. Doch das war eine Unternehmung, die viel Geschick und Mut verlangte. Zwar lief der Betrieb in der Sägemühle in den 50er-Jahren nicht mehr, aber der „Geheimgang“ an dem alten Ledertreibriemen vorbei war sehr eng, sehr glitschig und schmutzig, sehr spinnwebenverhangen. Und dann erst im Sägemehlkeller: Der war vollkommen dunkel, nur in der Mitte schimmerte etwas Licht durch eine Öffnung in der fast meterdicken Außenwand, an der unten der Wasserabfluss des Mühlengrabens gurgelte.

Im Sägekeller befanden sich überall noch Sägemehlhaufen von dem früheren Betrieb her, leicht konnte man beim Tappen in der Dunkelheit straucheln und in die weiche, staubige Masse fallen. Durch das Lichtloch werden sicherlich auch manchmal Ratten aus dem Wasser draußen hereingekommen sein. Zumindest hielt der Gedanke daran fast alle Spielkameraden vom Betreten des unheimlichen Raumes ab, obwohl ich dort nie eine Ratte bemerkt habe. Und Betreten und Verlassen konnte man den Sägekeller eben auch von der Scheune aus, zu der er ja räumlich gehörte, durch eine angelehnte Holztür. So konnte ich denn bei Versteck- und Verfolgungsspielen aus der Scheune verschwinden und plötzlich am Mühleneingang wieder auftauchen.


Die Dreschmaschine in der Scheune

Doch das Scheunengebäude selbst war der „Haupt-Abenteuerspielplatz“. Im Normalfall kam man natürlich nicht durch den Sägekeller hinein, sondern durch das große, zweiflügelige Scheunentor, das fast immer offen stand. Es hatte auf der gegenüberliegenden Giebelseite ein Gegenstück, das meist verschlossen war. Noch in den Nachkriegsjahren fuhren die mit Getreidegarben beladenen Erntewagen des Gutes und verschiedener Bauern zum einen Tor hinein, zum anderen wieder hinaus, denn unten in der Mühlenscheune stand die Guts-Dreschmaschine. Als ihr Betrieb dann ruhte, war sie ein zusätzlicher Spielplatz für uns Kinder. Unten konnte man zwischen den Rädern und Dreschkästen herumkriechen. Oben, über eine ausgetretene Holztreppe erreichbar, war im Obergeschoss der Einfüllstand, wo die Getreidegarben in die Dreschtrommel befördert wurden. Eine seitliche Holzklappe in der Außenwand, zur Frischluftzufuhr gedacht, sorgte hier für einen weiteren Zugang zur Scheune; vorteilhaft bei mancher Verfolgungsjagd.


In der Sägemühle

Im von der Straße gesehen vorderen Bereich dieser Ebene der Scheune befand sich die stillgelegte Sägemühle mit dem Sägegatter und dem auf Schienen laufenden Rollwagen, der die zu sägenden Stämme an das Gatter beförderte. Lange Zeit in meinen Kinderjahren ließ er sich noch hin- und herfahren und bildete so ein allerdings nicht ungefährliches Spielgefährt, denn mancher Jungenfuß wurde beim Rollen unten eingeklemmt, allerdings ohne schwerere Verletzungen. An der einen Längsseite der Sägemühle waren breite Torklappen über die ganze Wand hin angebracht, die sich zum Hereintransportieren der Stämme ursprünglich öffnen ließen, durch die man sich aber auch im geschlossenen Zustand mit etwas Geschick und Mühe hindurchquetschen konnte. An der anderen Längswand zur Mühle hin lagerten noch immer Bretterstapel, später teilweise auch von der benachbarten Zimmerei Marten.

Überall war es staubig, schmutzig und schummrig, daher ein von uns Jungen bevorzugter Spielplatz, von dem uns mein Vater oder Zimmermeister Marten aber auch oft verscheuchten. Ich erinnere mich noch genau, dass ich einmal hinter einem der Bretterstapel versteckt lag, als mein Vater schimpfend auftauchte, vom Kinderlärm alarmiert. Alle anderen Kinder waren beim Hören seiner Stimme sofort geflohen, ich aber hatte das nicht mehr geschafft. Ich beobachtete ihn durch eine Ritze, wie er direkt vor den Brettern auf und ab ging, um herauszubekommen, ob noch ein Kind hier oben war. Glücklicherweise verzichtete er darauf, hinter die Bretter zu schauen, ich verhielt mich mucksmäuschenstill und kam so wieder einmal ungeschoren davon.


Auf dem Scheunenboden

Doch das höchste in dieser alten Scheune - und das nicht nur im übertragenen Sinne als Spielversteck, sondern auch in der direkten Bedeutung des Wortes - waren nicht Sägemehlkeller, Dreschmaschine und Sägemühlenboden, nein, das war der obere Strohboden, über den sich hoch das Ziegeldach erhob. Diesen Boden konnte man nur an einer Stelle erreichen: Direkt neben dem Einfüllschacht am Oberboden der Dreschmaschine war an einen dicken Holzpfeiler eine senkrechte Sprossenleiter genagelt, etwa 6 Sprossen hoch. Wenn man sich dort hinaufhangelte, konnte man sich auf den Strohboden ziehen. Dieser war nun nicht mit einem gut begehbaren Bohlenfußboden versehen, sondern es waren in loser Folge je nach Notwendigkeit der Lagerung des Strohes unterschiedlich dicke Bretter auf die waagerechten Scheunenbalken aufgenagelt, einige waren auch nur lose aufgelegt. Überall gab es Durchblicke nach unten zur etwa 8 - 10 Meter tiefer liegenden Scheunendiele. Das machte den Reiz, aber auch das Risiko beim vorsichtigen Betreten dieses Gebäudeteils aus. Und natürlich war es darum uns Kindern strengstens verboten, dort hinaufzuklettern. Überall lagen große Mengen losen Strohes herum, so dass man oft die Lücken zwischen der Brettern gar nicht erkennen konnte. So kam es schon mal vor, dass ein Fuß hindurchrutschte, was dem Betroffenen natürlich einen großen Schrecken verursachte.

Der eigentliche Wert für uns spielende Kinder aber waren die unbegrenzten Versteckmöglichkeiten im Stroh und die Tatsache, dass man zu beiden Scheunengiebeln hingehen konnte. Dann hatte man durch Lücken in den senkrechten Dachziegeln der Giebelverkleidung zur einen Seite den Ausblick und die Übersicht über den Mühlenhof mit dem Eisenbahndamm, zur anderen Seite auf den Holzlagerplatz direkt an der Straße, auf die Abfahrt von der Straße zum Mühlenhof und auf den Zimmerplatz der Zimmerei Marten. So konnte man jede Annäherung einer „feindlichen“ Gruppe sehr frühzeitig und unbemerkt erkennen. Außerdem war der Strohboden aufgrund seines schwierigen Zugangs fast uneinnehmbar. Schließlich konnte man vom Strohboden durch einen schmalen Durchschlupf auch unseren daneben liegenden privaten Heuboden erreichen und sich von dort aus der Einstiegluke der Außenseite mittels einer oben befindlichen Leiter auf den Mühlenhof hinunterlassen: Eine nicht zu unterschätzende Fluchtmöglichkeit im Verfolgungsfall!


Am Mühlengraben

Neben diesen verwinkelten, zum Teil ungenutzten Gebäudeinnerbereichen der Mühle und der Mühlenscheune, die uns das ganze Jahr über tagaus, tagein als Spielplatz, zumindest aus unserer kindlichen Sicht, unbegrenzt zur Verfügung standen, gab es draußen natürlich gerade an einer Mühle das Wasser, das für Kinder immer anziehend ist. Das Streichwehr am Mühlengraben, die Schützen zum Regulieren des Wasserstandes, die Schmutzfanggitter, die Bretterbrücke dazwischen und das Bretterdeck über der Turbineneinfließkammer - das alles bot mehr oder weniger gefährliche und interessante Spielmöglichkeiten.

Um einen ungestörten Wasserzufluss zur Turbine zu gewährleisten, waren davor zwei Fanggitter angebracht, ein Grobgitter mit ca. 10 cm von einander entfernten Gitterstäben und drei Meter dahinter direkt am Turbinendeck ein Feingitter mit sehr engen, zentimeterweiten Gitterrosten. Am Grobgitter blieben Zweige und größere Abfallteile hängen, woran kein Mangel war, denn in Wispenstein war es zur Zeit des Mühlengrabens immer üblich, schwimmfähige, manchmal aber auch andere Abfälle auf dem Wasserweg zu entsorgen. Mit einer breiten Harke wurde alles regelmäßig von einem der Müller auf den Brettersteg gehoben und mit Schwung in den Abflussschacht hinter dem Streichwehr hinunter gestoßen. Kleinere Teile schwammen durch das Grobgitter hindurch und blieben am Feingitter hängen: Laub, Papierblätter, Äpfel und andere Früchte, Schachteln, Holzspielzeug, kleine Bälle usw. Wegen des Obstes konnte man hier in der Dämmerung oft Ratten im und am Wasser sehen. Aber dieses Gitter war auch für uns Kinder ganz interessant, fand man doch manchmal Dinge, die zumindest für uns damals durchaus brauchbar waren.


Die „Taufe“ mit Wispewasser

Hier war es auch, wo ich zum „echten“ Wispensteiner wurde, denn es war damals eine gängige Redensart im Dorf, das man „echter“ Wispensteiner nicht nur durch die Geburt hier wurde, sondern in erster Linie durch die „Taufe“ mit Wispewasser. Ich weiß nicht mehr, was an jenem verhängnisvollen Tage meine Aufmerksamkeit am Feingitter reizte, es dürfte aber wahrscheinlich ein Ball gewesen sein, denn dafür hatte ich in meiner Kinderzeit immer Bedarf. Vielleicht war nun gerade die Harke zum Reinigen des Gitters nicht in der Nähe, vielleicht war sie für mich auch noch zu schwer und unhandlich, jedenfalls legte ich mich am Rande des steil abfallenden Gitters auf den Bauch, um das dort im Wasser schwimmende Ziel meiner Begierde mit der Hand herauszuholen. Nun war ich sicherlich etwas zu kurz, der Ball tanzte im strömenden Wasser hin und her, ich schob mich weiter nach vorn, die Hand weit ausgestreckt - und plötzlich sauste ich auf dem Gitter ins Wasser hinein, sah nichts mehr, hörte nichts mehr, schluckte sicher eine gehörige Portion Wasser, ehe ich wieder mit den Füßen den Grund des Mühlengrabens fand und zum Stehen kam. Es war so tief, dass mir das Wasser im wahrsten Sinn des Wortes bis zum Hals stand. Glücklicherweise konnte ich mich an der Bohle festhalten, die die beiden Bretterstege hinter den Gittern verband. Ertrinken konnte ich nicht, aber es war März und sehr kalt und ich war pudelnass. So schrie ich aus Leibeskräften um Hilfe. Obwohl das in meiner Lage nicht allzu laut war, hörte mich in der Mühle der Müller Gniewkowski. Er kletterte schnell durch das Ausstiegsfenster und zog mich schlotterndes Kind heraus und verhütete so Schlimmeres. Das war meine zweite Taufe, diesmal mit Wispewasser.


Mutprobe auf dem Streichwehr

In späterer Zeit war eine beliebte „Mutprobe“ das Balancieren auf der etwa 20 cm breiten Oberkante des Streichwehrs. Es regulierte ebenfalls die Wasserzufuhr zur Turbine. Kam zuviel Wasser den Mühlengraben herunter, lief es am Streichwehr über und schoss zu einem dunklen Abflussschacht hinunter, der es am Turbinenkeller vorbei zum unteren Weiterfluss des Mühlengrabens führte. Es sah recht gefährlich aus, wenn große Mengen an Überlaufwasser oder unter der angezogenen Schütze hindurch tosend und brausend in dem dunklen Loch des Abflussschachtes verschwanden. Wenn man dort oben einen Holzklotz oder die Abfälle des Grobgitters hineinwarf, konnte man durch eine notdürftige Holzabdeckung sehen, wie sie schräg nach unten rasten. Wenn man dann schnell genug über die losen, glitschigen Bohlen des Turbinendecks zur großen Drehschütze am Ende der Turbinenkammer lief, konnte man 6 - 7 Meter tiefer aus dem Ausfluss der großen Röhre das Wasser und den oben hineingeworfenen Gegenstand hervorschießen sehen.

Recht einfach war das Balancieren auf dem 5 Meter langen Streichwehr, wenn kein Wasser überlief und der leicht schräge Betonstreifen trocken war. Dann gelangte man ohne Schwierigkeiten vom breiten Stützpfosten des Schützenbrettes zur Straßenbrücke, wo man sich hinaufziehen oder den Weg wieder zurückbalancieren musste.

Dennoch war auch dieser „Sport“ verboten, erst recht aber das Überqueren des Streichwehrs, wenn Wasser überlief und der Stand auf dem Betonstreifen ein sehr unsicherer war, das Abrutschen in die Tiefe drohte. Glücklicherweise ist dies aber nach meiner Erinnerung nie jemandem passiert.


Dosenkahnen vor der Mühle

Zum Schluss dieser Kindheitserinnerungen möchte ich dann noch von der harmlosesten und ungefährlichsten Spielmöglichkeit in und an der Mühle erzählen, die mich aber auch viele Stunden als Kind beschäftigt und fasziniert hat, dem „Dosenkahnen“. Bei höherem Wasserstand floss manchmal Wasser des Mühlengraben nicht nur über das Streichwehr, sondern über die andere Mauer, dann auf einer schmalen Betonfläche einen drei Meter hohen Durchfluss neben der Außentreppe (siehe Foto links) hinunter und dann zu einer Gosse an der Vorderseite der Mühle, um schließlich in einem Kanal zu verschwinden, der unter dem Mühlenhof hindurch wieder zum rückseitigen Weiterfluss des unteren Mühlengrabens führte.

Das war die „Rennstrecke“ für das Dosenkahnen. Man konnte nämlich auch zu jeder Zeit oben Wasser vom Mühlengraben ableiten. Dann musste man lediglich ein wie ein ungleichmäßiges U gebogenes, dickes Eisenrohr über die Mauer des Mühlengrabens hängen und das Wasser durch Ansaugen oder per kurzem Handverschluss des einen Endes des komplett ins Wasser getauchten und dann schnell herausgezogenen Rohres zum Durchlaufen bewegen. Dann floss eine ausreichende Wassermenge durch die Pflastersteingosse an der Mühle.

Unterschiedliche Blechschachteln dienten als „Teilnehmer“: Schuhcremedosen, Cremedosen, Tablettenschachteln aus Metall mit festem Verschlussdeckel. Kleinere Formate, z.B. Probedosen von NIVEA oder PENATEN oder kleine Pastillenschachteln, erwiesen sich als Favoriten. Die größeren Schuhcremedosen waren unbeweglicher, blieben an Gossensteinen auch schon mal hängen und konnten so die ideale Wasserfließlinie nicht einhalten.

Mit mehreren (bis zu 10) Kindern machte das Spiel am meisten Spaß. Dann schickte jeder ein „Boot“ ins Rennen. Aber auch mit weniger Kindern ging es, denn dann hatte jeder mehrere Dosen am Start. Für die Wertung gab es auch zahlreiche Variationen: Man bekam Punkte nach der Platzierung oder die letzte Dose schied jeweils aus oder Zeiten wurden notiert oder es gab Zweikampf-Ausscheidungsrennen. Viele Stunden hat mich das Dosenkahnen aber auch allein beschäftigt. Wie beim Radrennen „Tour de France“ ließ ich für die Teilnehmer zehn oder mehr Rennen „schwimmen“, alle Dosen bekamen Sportlernamen, die Zeiten wurden auf der Armbanduhr beobachtet, in einer Tabelle notiert, zum Schluss addiert. Auch Einzelzeitfahren führte ich durch.

Wenn ich die Rennen aber allein „veranstaltete“, hatte ich oft am Ziel, das am Ende der Gosse lag, ein Problem: Bei engem Zieldurchlauf der Kandidaten war es mir nicht möglich, auf die Uhr zu gucken, die Zeit zu notieren und die Dose aus dem Wasser zu nehmen. Dann verschwand diese am Ende der „Rennstrecke“ im schon erwähnten Kanalloch, das unter einem großen Prellstein lag. Da das meist die ersten und damit „schnellsten“ Dosen waren, war der Verlust schon schmerzhaft. So eilte ich dann schnell zum Zimmereiplatz, wo der untere Mühlengraben an einer Stelle wieder offen floss, und manchmal kam nach geraumer Zeit der Ausreißer auch gemächlich herangeschwommen und konnte von mir mit einer Stange ans Ufer geholt werden. Oft aber blieben „unersetzbare“ Dosen für immer im Kanaldunkel verschollen, und Nachschub war damals nicht so einfach zu bekommen.

Wenn ich so auf meine Kinderzeit und die beschriebenen Spielmöglichkeiten zurückblicke - und das war ja nur ein Ausschnitt aus dem Spektrum der dörflichen Gelegenheiten zum Toben und Zeitvertreiben -, dann wundert es mich gar nicht, dass wir Kinder in den 50er-Jahren den (ohnehin nicht vorhandenen) Fernsehapparat absolut nicht vermissten: Wir hätten zum Fernsehgucken wohl gar keine Zeit gehabt! Und den Begriff „Langeweile“ kannten wir schon gar nicht! Außerdem habe ich das Gefühl, dass wir auch noch längere Zeit als heute tobende und spielende Kinder waren. Und ich meine, den heutigen Kindern wird vielleicht später als Erwachsenen etwas von dieser Kindheit fehlen, denn Emotionalität und Lebensfreude werden schon in der Kinderzeit angelegt.