Mit Handkarren und Fahrrad zu den Kunden im Landkreis

Sechs Handwerksgenerationen in Wispenstein - Dachdeckerei Siegers blickt auf 150 jährige Familientradition zurück

Schwindelgefühle oder gar Höhenangst sind bei den Männern der Familie Siegers ein Fremdwort.
In der sechsten Handwerksgeneration decken sie nun schon zwischen Hildesheim und Holzminden
Dächer und verhalfen in den vergangenen 150 Jahren mit Arbeiten an Kirchen, Fabrikhallen und
Schlössern dem Handwerk zu beträchtlichem Ansehen.

Ein stolzes Firmenjubiläum.
Aus Adenstedt kam Christian Siegers 1840 nach Wispenstein und legte am Burganger den Grundstein zur Firmengründung. Mit einfachsten Mitteln schaffte er den Einstieg, von dem seine Nachfolger noch heute profitieren. Alle Familienmitglieder und Bekannten waren miteinbezogen, jeder packte kräftig an, um den Betrieb am Laufen zu halten.

Heinrich und später dann August Siegers traten schließlich in seine Fußstapfen und verbuchten auf
Ihrem Erfolgskonto einige über den Landkreis hinaus bekannte Bauwerke. Für sage und schreibe
3000 Mark wurde beispielsweise im März 1913 das komplette Dach von Schloss Düsterntal gedeckt.
Aufträge bei der Deutschen Spezialglas AG (DESAG), den Delligser Engelswerken (später FCH) und der Herdfabrik wurden ebenso fachkundig erledigt wie die Dachdeckerarbeiten an den Kirchtürmen von Grünenplan, Delligsen, Föhrste, Hohenbüchen und Imsen oder am Schloss Brüggen.

Arbeit mit Familienanschluss
Mit Handwagen und Fahrrad wurden damals die Arbeitsstätten angefahren, nachdem meistens vorher die Auftraggeber das Material mit Pferdekarren abgeholt hatten. Noch heute erinnert sich Frida Siegers ( Geschäftsinhaberin von 1974 bis 1989 ) an einen Arbeiter der montags zu Fuß aus Irmenseul kam und erst samstags wieder in seinen Wohnort zurückkehrte. Während der Woche wurde er selbstverständlich in der Familie verpflegt und untergebracht. Geregelte Wochenarbeitszeiten waren noch Zukunftsmusik, Feierabend war erst bei Einbruch der Dunkelheit. Bis dahin fassten von den Kindern bis zur Oma alle mit an, um auch noch spät abends die Ziegeln auf die Dächer zu schaffen. Selbst bei Schlechtwetter und im Winter, wo auf den Dächern nichts zu schaffen war, gönnten sich die Handwerker keine Ruhepause.

In Mölmerhagen wurden für Flächenkultivierungen Holzstuken gerodet, um noch in den arbeitsfreien Zeiten ein paar Mark dazu zu verdienen. Außerdem mussten auf dem Firmengelände Schieferplatten
aus dem Rohmaterial geschlagen beziehungsweise Bleche für Dachrinnen zugeschnitten und anschließend selbst geformt werden.

Entwicklungen nicht versperrt
Im April 1930 legte August Siegers in Thüringen seine Meisterprüfung ab und übernahm mitten im Krieg (1942) von seinem Vater das Geschäft. Kleinere Ausbesserungsarbeiten standen auf dem Terminplan, die Auftragslage in der Alfelder Umgebung war nicht sonderlich rosig. Immerhin brachte ihm seine handwerkliche Qualifikation eine Freistellung vom Kriegsdienst, da in Hildesheim wichtige Dachdeckerarbeiten zu erledigen waren.
Nach dem Zweiten Weltkrieg bemühte sich August Siegers trotz der schleppenden Geschäftslage um den Neuesten Stand der Technik. Ein DKW sowie später ein VW-Käfer dienten der Materialauslieferung, der in 60er Jahren angeschaffte Aufzug war einer der ersten in der Zunft. Stets wurde im Wispensteiner Unternehmen der Entwicklung Rechnung getragen.

Bereits mit 23 Jahren machte der heutige Chef, August Siegers, im April 1974 in St. Andreasberg als jüngster Lehrgangsteilnehmer seine Meisterprüfung. Glück im Unglück, denn nur drei Monate später verstarb sein Vater, so dass der Junior praktisch ins kalte Wasser geworfen wurde. Mit viel Engagement und dem nötigem Fachwissen arbeitete er sich erfolgreich in die Geschäftsführung ein.

Auch wenn sich in den vergangenen 150 Jahren an den Materialien einiges verändert hat , bleibt das Fundament der Arbeit die gute alte deutsche Handwerkskunst, die in Verbindung mit der neuesten
Technik auch in Zukunft die Kunden mehr als zufrieden stellen wird.

Mit dafür sorgen könnte auch in einigen Jahren die siebente Wispensteiner Dachdeckergeneration.
Mit dem heute zwölfjährigen Sohn Gerrit, steht bereits ein Nachfolger für den Familienbetrieb in den Startlöchern, um eventuell die langjährige Handwerkertradition fortzusetzen.

Quelle: Dobler-Druck 26.05.90

Überarbeitet am 26.02.00
Sabine Siegers