Mit einer Geschwindigkeit von 120 Stundenkilometern entgleiste (am 09. Juni 1970) um 16.28 Uhr in Wispenstein der D-Zug 588, der auf der Fahrt von Kiel nach München war. Damit ereignete sich drei Tage nach dem schweren Eisenbahnunglück bei Celle erneut eine Eisenbahnkatastrophe in Niedersachsen. Das Unglück forderte ein Todesopfer. Der 14-jährige Joachim N. aus Wispenstein, der mit dem Fahrrad auf dem Weg neben dem Bahndamm fuhr, wurde vermutlich von einem der losgerissenen Drehgestelle der Wagen getroffen und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Nach Angaben der Bundesbahndirektion Hannover wurden insgesamt 93 Fahrgäste des Zuges verletzt, von denen sich heute Morgen noch 44 in stationärer Behandlung in den Krankenhäusern befanden. Von den zwölf Wagen des D-Zuges entgleisten elf. Acht von ihnen stürzten nach rechts auf die Wiese hinter dem Gutshof, ein Wagen kippte nach links vom Bahnkörper.

Ein dröhnender Donnerschlag unterbrach um 16.28 Uhr die Ruhe des sommerlich heißen Nachmittags, und eine bräunlich-graue Staubwolke hüllte für kurze Zeit die Unfallstelle ein. Wenige Minuten später heulten die Sirenen, und die ersten bereits telefonisch alarmierten Helfer waren schon zum Katastrophenort unterwegs. Ihnen bot sich ein zunächst unfassbares Bild, denn wie eine Spielzeug-Eisenbahn waren die schweren Waggons auf die Wiese, die drei Meter hohe Böschung hinuntergekippt und hatten sich zum Teil dabei in der Längsachse überschlagen. Von den meisten Wagen waren die Drehgestelle mit den Rädern abgerissen worden. Der Zug, der normalerweise von Hannover bis nach Göttingen ohne Halt durchfährt, war nach Schätzung der Bundesbahn von etwa 270 Personen besetzt.

Sie alle wurden bei dem Unglück zusammen mit den Gepäckstücken durch die Abteile geschleudert, viele von ihnen erlitten einen Schock. Die Wiese verwandelte sich wenige Minuten nach dem Unglück in einen Verbandsplatz. Viele Helfer des Roten Kreuzes und Feuerwehrmänner bemühten sich um die Bergung der Verletzten. Die Schreie der Schwerverwundeten und die Weinkrämpfe der Frauen waren die an den Nerven zerrenden begleitenden Geräusche der ersten Minuten nach dem Unglück.

Vielen Passagieren gelang V es, selbst durch die Fenster oder über die Plattformen am Ende der Wagen ins Freie zu gelangen. Ihre Gesichter wären von dem eben überstandenen Schreck gezeichnet. Der Lokomotivführer hatte einen Knall gehört und unmittelbar darauf einen heftigen Ruck verspürt. Offenbar ist die Kupplung hinter dem Postwagen abgerissen, Lokomotive und Postwagen fuhren allein weiter, wurden aber sofort durch die Schnellbremsung des Lokführers zum Stehen gebracht, der vom nächsten Streckentelefon aus die benachbarten Bahnhöfe verständigte und damit die Hilfsaktionen auslöste. Unvorstellbar wäre das Ausmaß der Katastrophe geworden, wenn zur Unfallzeit ein Zug entgegengekommen und in den verunglückten Zug hineingerast wäre. Wie Bewohner aus Wispenstein sagten, wurden bis wenige Stunden vor dem Unglück an der Bahnstrecke Gleisarbeiten ausgeführt. Angeblich waren restliche Arbeiten noch für die nächsten Tage vorgesehen.

Die Masten der elektrischen Oberleitung wurden umgerissen, die umstürzenden Wagen rissen auch die Schienen mit sich. Bis heute morgen um 6.08 Uhr blieb die Strecke voll gesperrt. Der Verkehr wurde bis dahin über Hildesheim bzw. Hameln-Altenbeken umgeleitet. Seit heute Morgen ist die Süd-Nord-Richtung wieder befahrbar, die Züge werden mit einer Geschwindigkeit von 50 Kilometern durchgeschleust. Die weiteren Aufräumungsarbeiten werden noch mindestens bis heute 20 Uhr dauern. Die Bundesbahn hat zwei 45-Tonnen-Kräne eingesetzt Im Scheinwerferlicht der Aggregate der Feuerwehr wurde die ganze Nacht über gearbeitet. Es muss jedoch noch weiteres Hilfsgerät herangeführt werden, weil die Kräne die auf die Wiese gestürzten Wagen nicht bergen können. Die Hilfsaktionen für die Verletzten verliefen vorbildlich. Oberkreisdirektor Lüdicke leitete den Katastropheneinsatz und war zusammen mit Landrat Hinsche wenige Minuten nach dem Unglück an der Katastrophenstelle.

Ärzte aus Alfeld und Freden, die Krankenwagen des DRK aus dem Kreis Alfeld und den Nachbarkreisen trafen rasch hintereinander ein. Es wurde entschieden, die schwerer Verletzten in das Alfelder und die leichter Verletzten in das Krankenhaus Gronau zu bringen. Einzelne kamen auch in die Krankenhäuser von Gandersheim, Einbeck und Göttingen. Den Feuerwehreinsatz leitete Stadtbrandmeister Pallas, der zunächst den Funkwagen zur Katastrophenstelle beorderte und außer sämtlichen Alfelder Feuerwehrfahrzeugen auch die von Röllinghausen, Langenholzen, Imsen, Föhrste, Sack, Limmer, Eimsen, Dehnsen, Gerzen, Freden und selbstverständlich Wispenstein einsetzte. 140 Feuerwehrleute halfen beim Absperren, beim Bergen der Verwundeten und des Gepäcks und beim Abtransport. Auch die Kreisbrandmeister Herzke und Busekrus waren anwesend.

Zirka 35 bis 40 Minuten nach dem Unglück waren alle Verletzten abtransportiert. Beim Krankenhaus Alfeld wurden sie sofort von dem Assistenzarzt der Chirurgie in Empfang genommen. Alle verfügbaren Ärzte des Hauses beteiligten sich an den Operationen. Ähnlich war es auch im Gronauer Krankenhaus. In Alfeld waren heute früh noch 34 Personen in stationärer und einige in ambulanter Behandlung, während in Gronau acht stationär und 35 ambulant versorgt wurden. Obwohl sich das Unglück zu einer Zeit ereignete, in der viele auf der Heimfahrt von ihren Arbeitsstellen waren, klappte dank des Einsatzes der Polizei und der vorbildlichen Einsatzbereitschaft namentlich der Föhrster Einwohner der Abtransport reibungslos.

Die Föhrster Bürger sorgten dafür, dass die Fahrbahnen frei blieben, indem sie viele Wagen anhielten und einen Teil des Verkehrs über die Leinebrücke zur Alfelder Ziegelmasch umleiteten. Viele Autofahrer halfen mit ihren Wagen mit, Leichtverletzte in die Krankenhäuser zu bringen. Obwohl sich der Zustrom von Neugierigen zu Katastrophenorten nie ganz vermeiden lässt, waren doch die allgemeine Einsicht und vor allem das tatkräftige Eingreifen der Zivilpersonen bewundernswert. Zwei Niedersächsische Minister ließen sich gestern an der Unfallstelle vom Präsidenten der Bundesbahndirektion Hannover, Dr. Friedrich Stille, über die Rettungsarbeiten und den vermutlichen Hergang des Unfalls unterrichten. Dr. Stille hält menschliches Versagen oder einen Fehler in den Signalanlagen für ausgeschlossen. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft über das Unglück noch nicht abgeschlossen. Nicht verletzte Fahrgäste wurden mit Omnibussen nach Kreiensen gebracht und konnten von dort aus ihre Reise fortsetzen. Noch mehrere Stunden nach dem Unglück stand eine Frau, die nach ihrer Schwester suchte, fassungslos weinend auf der inzwischen leer gewordenen Wiese und wehrte alle Beruhigungsversuche ab. Die größte Tragik bei diesem Unglück liegt über dem Tod des 14-jährigen Joachim aus Wispenstein. Er war im Fredener Freibad gewesen und hatte für die Heimfahrt den Weg neben dem Bahndamm benutzt. Erst nach längerer Zeit konnte der Junge mit Hilfe seines zertrümmerten Fahrrades identifiziert werden.

Mit einem Paar, das der Kleidung nach eigentlich nicht zu den Reisenden zu rechnen war, kamen wir an der Unfallstelle ins Gespräch. An unserem Haus fährt direkt die Bahn vorbei", erklärte uns die Frau. Mein Gott, als ich den Knall hörte, der sich hinter dem Gutshof zutrug, dachte ich zunächst an einen Betriebsunfall auf dem Hofe oder aber an einen Autounfall. Als ich aus dem Fenster sah, senkte sich gerade die Staubwolke, die hinter dem Hof etliche Meter hochgeschleudert wurde. Mein Gott, sollte da was mit; dem Zug passiert sein?" war die erste Frage, die sie ihrem Mann stellte. Als das Ehepaar sich an die Unfallstelle begab, waren die ersten Fahrgäste dabei, den Zug zu verlassen und auch schon damit beschäftigt, die ersten Verletzten zu bergen. Den beiden Einwohnern wurde sofort zugerufen, dass dringend Wasser benötigt wurde. Das Ehepaar schleppte in Plastikeimern Wasser herbei und rief auch die Nachbarn zu gleichem Tun auf.

aus "Alfelder Zeitung" vom 10.06.2000
Foto "Alfelder Zeitung" nachträglich bearbeite

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