Das Jahr 1760 soll in unserem Bericht eine besondere Stellung bekommen. Nicht etwa, weil in diesem Jahre besonders wichtige Ereignisse das Leben der Wispensteiner beeinflussten - nein, es ist aus einem anderen Grunde bemerkenswert: 

Bisher hätten wir nur spärliche Quellen, die uns etwas sagen konnten über Namen, Land, Gebäude und Wirtschaft Wispensteins in jener "alten" Zeit. So war die Geschichte Wispensteins in den ersten drei Jahrhunderten seines Bestehens eigentlich nur die Geschichte derer von Steinberg gewesen. Nun liegt aus diesem Jahre 1760 eine Quelle vor, die genauestes Auskunft gibt über all das, was wir bisher vermissten. 

Diese Quelle ist ein Buch, handgeschrieben, von elf und einem halben Pfund Gewicht. Es ist in dickes Rindleder gebunden und. an den Rändern wie auch im Buchrücken mit Goldprägung reichlich verziert. 

Das Buch trägt den Titel: "Beschreibung des Freiherrlich von Steinbergischen Gerichts Wispenstein nebst zugehörigen Abrissen - entworfen von Johann Thomas Willich anno 1760". 

Der Verfasser, J. Th. Willich, war kein Historiker, sondern Landmesser von Beruf. Er schrieb dieses Buch im Auftrage des Kriegsrates von Steinberg, der die Bürgermeister der zum Gericht gehörenden Dörfer und seinen Wispensteiner Verwalter Schröters, Amtmann Bock und Förster Ullrich zur Mitarbeit aufgefordert hatte. Willich brauchte trotzdem für die Arbeit - es sind über 500 sauber geschriebene Seiten - 12 Jahre. 1772 legte er sie einem Notar zur Beglaubigung vor. 

Willich beginnt mit einem allgemeinen Kapitel über das Gericht Wispenstein. Er berichtet von der Herkunft der Gutsherrschaft und gibt eine genaue politische und geographische Beschreibung des Ortes. So erfahren wir, dass damals zwei große Heerstraßen durch das Gericht Wispenstein führten, die "Einbecker" und die Wispensteiner über Rhönkrug, Wispenstein und Föhrste. Beide vereinigten sich bei Alfeld. 

Die andere war die "Eschershäuser". Sie berührte das 'Gericht Wispenstein nur im Norden und führte über Alfeld nach Hildesheim. 
Die Richtstätte befand sich auf der Habekost. Als die Gemeinde

 Imsen den Feldweg von der Gastwirtschaft Hennecke bis zur Habekost ausbaute, wurden nicht weit von der ehemaligen Richtstätte entfernt zwei menschliche Skelette gefunden. Sie rührten scheinbar von frühen Hinrichtungen her. 
Die Bewohner des Gerichts Wispenstein ernährten sich in erster Linie durch Acker- und Flachsanbau, sowie durch das Leinewebe-Gewerbe. Der Ackerbau war, wie Willich sagt, nicht so beträchtlich, weil der Boden ."nicht eben günstig und auch zu uneben sei". Die Viehzucht war gering, da der Mangel an Wiesenwuchs überall im Gericht daran hinderte. Nur das Gut Wispenstein hielt eine beträchtliche Schafherde. 
Kirchen gab es damals nur zwei im Gericht: Die Imser und die Föhrster Kirche. Wispenstein selbst soll zwar früher auf dem Gut ebenfalls eine Kapelle gehabt haben; sie war jedoch damals schon lange eingegangen, und nur ein unbebautes Fleckchen an der Einfahrt zum Gutshof erinnerte durch seinen Namen "Marienanger" an dieses Kirchlein. 1760 war Wispenstein in dieser Hinsicht bereits die "Filia", Tochter von Imsen. 
Schulen waren 1760 in Imsen, Waartzen, Geertzen und Förste, jedoch nicht in Wispenstein. Die Kinder der Vorbürger und die der Gutsbediensteten besuchten die Schule in Imsen. 
Die Vorburg Wispenstein bestand aus siebzehn Häusern. Die Vorbürger waren Handwerker oder Leinewandweber. Außer ihrem Haus hatten sie einen Garten und etwas Land in Erbpacht. 
Willich schreibt in diesem Zusammenhang einiges über die "Gerechtsame" im Gericht Wispenstein. - Die Bewohner der Dörfer waren, ob Meier oder Jäger, Vollspänner oder Einlieger, alle dem Gutsherrn hörig. Dieser hätte alle Gerechtsame inne, den Fruchtzehnten, die Schäferei-, Fischerei-, Jagd-, Brau- und Krug-, Musik- und Ackergerechtsame. 

Dann waren ihm alle Bewohner außer den Pfarrern, den Krügern und den "gemeinen" Viehhirten zu Hand- und Spanndiensten verpflichtet. Das war aber keinesfalls eine Art Sklaverei, sondern eher die "Steuer", die ein jeder zu entrichten hatte. Sie wurde je nach der Größe der jeweiligen Besitzungen berechnet und für ganz bestimmte Arbeiten festgesetzt, wie für die Ernte, Unterhaltung des Burggrabens und ähnliches. Gelegentlich konnten die Hand- und Spanndienste auch in Geld abgegolten werden. Das stufte sich vom Vollspänner mit 26  Talern im Jahr bis zu den kleinen Beiwohnern, die einen Taler und drei Groschen jährlich zu entrichten hatten.

 

Aus der Chronik von Herrmann Janson