Wenn in den sechs Jahrzehnten nach 1760 in Wispenstein selbst auch nicht so viel geschah, was hier erwähnt zu werden verdiente, so brachte in dieser Zeit die Entwicklung in der großen Politik allerlei mit sich, das in der Folge auch auf Wispenstein und seine Bewohner Einfluss haben sollte. 

Es begann 1789 mit der großen Revolution in Frankreich, die dort der Herrschaft der Fürsten und Adligen ein Ende bereitete. Die deutschen Staaten, die darauf Frankreich den Krieg erklärten und ihn einige Jahre lasch und sorglos führten, wurden dann plötzlich von einem jungen französischen General in mehreren Schlachten geschlagen; von Napoleon. 1801 kam es dahin, dass der deutsche Kaiser einen traurigen Frieden schließen musste, der ihn die linke Rheinseite kostete und zu dem sogenannten Reichsdeputationshauptschluss führte, nach dem unter anderem die meisten geistlichen Fürstentümer aufgelöst wurden. Das bedeutete auch das Ende des Bistums Hildesheim: Es wurde ein Teil des Königreiches Preußen. 
Doch die Herrschaft Preußens hatte keinen langen Bestand. Ein neuer Krieg mit Napoleon brach aus, die Franzosen kamen in unser Land. gewannen 1806 die Schlacht bei Jena und konnten die deutschen Lande nun nach ihrem Ermessen neu verteilen. Das ehemalige Fürstentum Hildesheim wurde dabei dem Königreich 'Westfalen zugeteilt, das Napoleon seinem Bruder Jerome schenkte. 

Die ganze Verwaltung wurde nun umgeworfen, die Gleichheit aller Untertanen vor dem Gesetz proklamiert. Alle Verpflichtungen gegen den Adel wurden aufgehoben. Die adligen Gerichte, wie es Wispenstein immer noch war, wurden aufgelöst. Aber die nun "freien" Untertanen durften dafür den Fremden so gehörige Steuern zahlen, dass sie sich über die neue Freiheit gar nicht freuten und die grundherrlichen Zeiten wieder zurücksehnten. 

Doch auch diese Jahre, die schlimme "Franzosenzeit", gingen worüber. Anfang März 1812 kehrte die Armee Napoleons geschlagen aus Russland zurück, die ersten preußischen und russischen Streifkorps wurden bald danach in unserer Gegend erstmalig wieder gesehen. Die Schlachten bei Leipzig (1813) und bei Waterloo (1815) besiegelten das Schicksal Napoleons endgültig. 
Auch Wispenstein trug seinen kleinen Teil dazu bei: In den Listen der Veteranen von 1813-15 werden Christian Dörries, Heinrich Oelze, Georg Pinkernelle und Wilhelm Kreth aus Wispenstein genannt. 
Das alte Fürstentum Hildesheim bekam nun wieder einen neuen Landesherrn, den König von Hannover; denn Hannover, das noch bis 1837 mit England in Personalunion stand, war auf dem Wiener Friedenskongress 1814 zum Königreich erhoben worden. 
In Bezug auf die Verwaltung wurde erst einmal alles wieder so hergestellt, wie es vor der Franzosenzeit gewesen war: Die Steuerfreiheit der Grundbesitzer, die Lasten und die Patrimonialgerichtsbarkeit, die im Grunde aber nur noch ein Patronat für die Besitzer war. Erst 1831 gab der Herzog von Cambridge, als Vizekönig, dem Land eine Verfassung, ein Ablösungs- und Verkoppelungsgesetz. Alle bisher hörigen Bauern hatten nun die Möglichkeit, selbst Land zu erwerben, denn die Ablösung sollte so geschehen, dass jeder Verpflichtete alle Dienste und Abgaben durch einmalige Zahlung des 25fachen Wertes der jährlichen Leistung für immer ablösen konnte. Die 52 Tage Herrendienst, die im Jahr zu leisten waren, blieben allerdings noch lange Zeit bestehen. 

Genauere Daten über die Ablösungen in Wispenstein sind nur von der Familie Kettler bekannt. Der Regress zur Ablösung des Fruchtzehnten für die Familie datiert vom 30. Juli 1841. Die "Lehnsvettern" hatten 311 Taler und 11 Groschen als Ablösungssumme zu zahlen. 

1836 erfolgte die Ablösung der Patrimonialgerichte durch neugebildete, staatliche Ämter. Wispenstein, seit langem mit Brüggen auch in dieser Hinsicht vereinigt, kam dabei an das Amt Alfeld. 

Wispenstein war nun die Möglichkeit gegeben, sich zu einem richtigen Dorf zu entwickeln. Gewerbetreibende siedelten sich an, einige Fabrikarbeiter ebenfalls. Doch blieb die Einwohnerzahl immer um 250 Personen. Die ältesten der Häuser, 'die heute noch in Wispenstein stehen, stammen aus dieser Zeit, nur das Haus des Schneiders Brodtmann wird schon um 1800 gebaut sein und das Lohmannsche Haus trägt die Jahreszahl 1812. Das Gutshaus wurde 1830 neu hergerichtet, nachdem das alte Gebäude schon vor 1790 durch eins aus Selterdolomit ersetzt wurde 1851 wurde die neue Südbahn, die von Hannover über Alfeld nach Göttingen 

führte gebaut. Sie wurde bei Wispenstein westlich der Leine angelegt und verlief vom Mühlenstieg bis zur südlichen Liethwiese durch die Ortsgemarken. Der östliche Flügel des Gutsgebäudes musste abgerissen werden, da der Eisenbahndamm dort aufgeschüttet wurde. Ein anderes Bahnprojekt, das 1892 vermessen wurde und eine Eisenbahnlinie Alfeld-Delligsen über Wispenstein plante, wurde nicht durchgeführt. 

Hatte das Gut bis 1848 noch die Gemeindegeschäfte besorgt, so gab es in diesem Jahre einen Gemeindevorsteher im Dorf. Der erste, der das Amt bis 1859 innehatte, war Regenhardt. Von dem wird noch heute gesagt, er habe den Ausspruch getan: "Ich bin Bauermeister von Wispenstein". 

Die Herrschaft des Königs von Hannover dauerte bis 1866. In diesem Jahre brach der Krieg zwischen Preußen und Österreich um die Vorherrschaft in Deutschland aus, in dem Hannover auf Seiten Österreichs stand. Obwohl der blinde König Georg V. mit seiner hannoverschen Armee - aus Wispenstein waren Rott und Sander dabei - die Preußen bei Langensalza schlug, musste er doch vor der feindlichen Übermacht kapitulieren. Im darauffolgenden Frieden zu Nicolsburg wurde Hannover preußische Provinz. 

Aus den Kriegstagen von 1866 erzählt die Chronik der Familie Kettler, dass man in Wispenstein die grimmigen Preußen sehr fürchtete. Die wertvollsten Pferde "rettete" man nach Mölmerhagen, während K. acht weitere nach Düsternthal in Sicherheit bringen musste. Da aber die "Feinde" bereits in der Gegend waren, fruchtete man tiefer in den Wald hinein und hielt sich 14 Tage lang mit den Tieren im sog. "Ahrensnest" auf. Vielleicht war das eine übertriebene Vorsicht, denn die Preußen benahmen sich im allgemeinen ganz manierlich, und die übrigen, zu Kriegsfuhren requirierten Pferde kamen wohlbehalten zurück. Um diese Zeit wurde auf Gut Wispenstein noch Bierbrauerei betrieben und K. musste bei seinen Bierfuhren nach Brüggen am Schlagbaum bei Dehnsen jedes Mal pro Pferd 1 Gr. Heeresstraßengeld bezahlen. 
Der Gutsherr, Ernst von Steinberg, war beim König von Preußen und späteren Kaiser sehr angesehen und wurde 1888 in den Grafenstand erhoben. 

Da es sich im Jahre 1880 herausstellte, dass die Schule in Imsen für zwei Dörfer zu klein war, - es gab damals in Wispenstein 70 Kinder -, wurde im selben Jahr eine eigene Schule in Wispenstein eingerichtet. Als Schulraum musste vorläufig ein Raum im Wirtschaftsgebäude des Gutes dienen, der sog. "alte Krug", in dem die Knechte wohnten. Die Kosten zur Einrichtung dieses Raumes wurden von der Gemeinde Wispenstein bestritten, wie auch die Ausgaben für Lehrmittel usw. Der erste Lehrer hieß Louis Biester, ihm folgte 1884 Karl Meinecke, dann 1886 bis 1888 Friedrich-Wilhelm Engelke, 1888 für dreieinhalb Monate Otto Rieke und von 1889 bis 1900 Heinrich Schäfer. 

Aus diesem Jahrhundert wäre noch das Cholerajahr 1850 zu erwähnen, das verschiedene Todesopfer kostete, und die furchtbare Wassernot am 1. Juni 1886. Ein Wolkenbruch am Hils hatte zu den Vormittagsstunden unaufhörlichen Regen niederprasseln lassen. Erst um 61/2 Uhr hatte das ein Ende. Jedoch stieg das Wasser der Leine und Wispe über die Ufer und bis 8 Uhr so hoch, dass es in vielen Häusern unten durch die Fenster ging. Einige Ziegen und Ferkel ertranken; das meiste jedoch wurde gerettet. Der Gesamtschaden betrug etwa 1600 Mark. Um die Armen wenigstens etwas zu entschädigen, wurde eine Hauskollekte veranstaltet, die 50,75 Mark einbrachte. Auf einen Aufruf hin waren in Alfeld 272,- Mark zusammengekommen, die. unter 'die betroffenen Gemeinden Freden, Imsen und Wispenstein verteilt wurden. 

Dieser unheilvolle 1. Juni wurde seither als Hagelfeiertag begangen. In der Landwirtschaft wurde nicht gearbeitet, und es wurde ein Gottesdienst abgehalten. 
Am Montagmorgen, dem 24. November 1890, hatten wir in Wispenstein wieder Hochwasser. Das Stauwasser der Leine war so hoch, dass es auf dem Sieler in mehreren Häusern stand. Das Tal vom Bahndamm bis zur Brucht war eine rauschende Wassermasse. Die Mühle musste des hohen Stauwassers wegen den Betrieb vier Tage lang einstellen. Zum Glück trat in der Nacht vorn Montag zum Dienstag Frost ein, der sich im Laufe des Dienstag so verschärfte, dass das Wasser vom Mittwoch an schon wieder fiel. Am Ende der Woche war die Leine wieder ganz in ihre Ufer zurückgetreten. In der Wispensteiner Feldmark hat die Leine bei diesem Hochwasser keinen Schaden getan.

Aus der Chronik von Herrmann Janson