Zu Beginn des 17. Jahrhunderts sind die Brüder Georg, Burghard und Melchior III., Söhne Melchiors I., Herren zu Wispenstein. Ihr älterer Halbbruder, Siegfried, lebte zwar bei ihnen, doch aus einem nicht sehr erfreulichen Grunde. Er hatte nach des Vetters Adrian Tod Imshausen als Grundbesitz bekommen, dieses aber so herunter gewirtschaftet, dass er es schließlich Stats von Münchhausen, der für ihn gebürgt hatte, übereignen musste. Außer ihnen lebte von den vielen Söhnen Melchiors I. nur noch einer, Christoph, der das Gut Harbarnsen besaß. Harbarnsen sollte jedoch nach Christophs kinderlosem Tod wieder an den übrigen Besitz zurückfallen.

Sehr rührig waren in diesem ersten Jahrzehnt eines Jahrhunderts, das so viel Not über unser Land bringen sollte, die Brüder Georg Burghard und Melchior III. Im Jahre 1605 ließen sie ihrem Wispensteiner Wohnhaus gegenüber ein zweites, stattliches Gebäude errichten. Es wurde aus dicken Bruchsteinmauern zweigeschossig aufgeführt, außerdem mit einem vorgebauten Turm versehen, der das Treppenhaus trug. Im oberen Teil des Turmes wurde eine Glocke aufgehängt, die im Jahre 1588 gegossen und mit ornamentischem Zierrat versehen war. Der sechs eckige Turm fiel besonders dadurch auf, dass er dem Rathausturm in Alfeld zum Verwechseln ähnlich war.

Im Erdgeschoss des neuen Gebäudes richteten die Steinbergs eine Brauerei ein. Sie besaßen die Brauereigerechtsame bereits fast hundert Jahre, hatten sie aber zuvor nicht ausgenützt, obwohl die wichtige Heerstraße von Göttingen nach Norden durch ihr Gericht führte. In das obere Stockwerk zogen Beamte des Grundbesitzers, Amtmann oder Verwalter. Das Haus steht heute noch in seiner ursprünglichen Form. Nur das Dach und die Turmspitze wurden - wohl 150 Jahre später - erneuert. In der Wetterfahne des Turmes, die einen springenden Steinbock darstellt, sind die Initialen E. S. und die Jahreszahl 1749 zu erkennen.

Wenige Jahre nach dem Bau des Brauhauses, 1608, verglichen sich die Brüder von Steinberg mit Stats von Münchhausen. Sie bezahlten die Schulden ihres Bruders Siegfried und gewannen dadurch das Gut Imshausen zurück.

Inzwischen waren die Spannungen im Reich, die seit der Reformation zwischen Protestanten und Katholiken bestanden und nie hatten ganz beseitigt werden können immer bedrohlicher geworden. Als nun im Jahre 1618 die lutherischen Ständevertreter die beiden habsburgischen Gesandten in Prag nach einer erregten Auseinandersetzung aus dem Fenster warfen, war der äußere Anlass zu einem neuen Religionskrieg gefunden. Friedrich V. von der Pfalz, der böhmische "Winterkönig", verlor gegen die kaiserlichen Truppen die Schlacht "Am weißen Berge", musste fliehen und wurde 1621 ausgerechnet von Herzog Friedrich Ulrich, dem Enkel des Herzogs Julius, in Wolfenbüttel aufgenommen. Friedrich Ulrich und sein Bruder Christian, Administrator von Halberstadt, nahmen sich der Sache des unglücklichen Pfälzers an - nicht zum Glück ihrer eigenen Landschaft; denn nun wurde der Krieg auch nach Norddeutschland gezogen. Am 6. August 1623 wurde Christian bei Iserlohn von der Katholischen Liga unter Tilly geschlagen. Tilly wandte sich darauf mit seinen Landsknechtshorden nach Osten und kam dabei zum ersten Male durch unser Gebiet. Es scheint jedoch, dass er seine Truppen einigermaßen in Zucht hielt; denn aus dieser Zeit ist von Ausschreitungen der Söldner noch nichts bekannt. Da unternahm Herzog Friedrich Ulrich, dem der politische Weitblick seiner Vorgänger fehlte, ein zweites zum Unglück seiner Untertanen: Er provozierte die Wahl seines Oheims Christian IV. von Dänemark zum Hauptmann des Niedersächsischen Kreises. Das veranlasste den anderen kaiserlichen Oberfeldherrn, Wallenstein, nun ebenfalls nach Norddeutschland zu rücken. Am 28. September 1625 brach er mit seinem Heer von Göttingen auf und nahm wenige Tage später in Limmer, nördlich von Alfeld, Quartier. Seine undisziplinierten Söldner überschwemmten die umliegenden Ortschaften.

Als die Wispensteiner vom Nahen der mord- und beutegierigen Soldaten hörten, verließen sie ihren Hof und flohen wahrscheinlich in die umliegenden Wälder. Erst als die Erkundigungen ergeben hatten, dass kein Landsknecht mehr auf dem Grundstück war, wagten sie sich wieder hervor. Doch wie sah es in ihrem Hause aus! Alles, was sie gefunden, hatten die Soldaten fortgeschleppt oder zerschlagen, Hausgerät, Kleider, Waffen, Büchsen, Stoffe, Kisten und Kasten. Nicht anders war das Bild in Scheunen und Vorratskammern. Vom Kornboden hatten die Soldaten 2 Malter (Malter ungefähr 300 Pfund) Weizen, 3 Malter Rübensamen, 50 Malter Roggen, 6 Malter Gerste, 3 Malter Erbsen, 4 Malter Hopfen, 10 Malter Malz geholt, also insgesamt rund 700 Zentner. In der Mühle fehlten außerdem 6 Malter Mahlkorn und in den Backstuben 2 Malter Mehl. Die Äcker waren verwüstet, Kühe, Butter, Käse und Bier hinweggeschafft. Nur die Schafe, die vorher in den Wald getrieben waren, wurden gerettet. Auch den Vorrat an Salz -damals eine große Kostbarkeit - hatten die Landsknechte mitgehen beißen. Dazu kam noch für die Steinbergs der Ausfall an Pacht und Meierkorn, da die umliegenden Gehöfte und Orte des Gerichts ebenso verwüstet waren.

Als die Steinbergs am Ende den Schaden zusammenrechneten, kam eine Summe von 11 066 Talern heraus. Eine Unsumme und das knapp in 14 Tagen!

Am 13. Oktober hatte Wallenstein in Limmer eine Unterredung mit Tilly. Er zog darauf mit seinen Horden über Bockenem zur Elbe ab und überließ unser Gebiet dem Heer der Liga. Diesmal wollten die Söldner Tillys denen Wallensteins nicht nachstehen. Sie zogen nach dem Grundsatz "Gib oder stirb" Kontributionen ein, und was Wallensteins Knechte übrig gelassen, nahmen nun die Truppen der Liga. Zwar hatten die Bewohner ihre Kostbarkeiten in den unwegsamen und

bewaldeten Bergen versteckt, aber alles ließ sich nicht verbergen.

Und als Georg Friedrich und Melchior von Steinberg nach Tillys Abzug aufs neue den angerichteten Schaden zusammenstellten, ergab sich das folgende Bild:

 
Schaden an stehender Feldfrucht
Bau- und Brennholz an Garnison Alfeld
Bauernpferde weggenommen
Rindvieh
32 Schweine
3 Pferde
Der Acker nicht bestellt .
Vieh an Kommandanten in Alfeld
600 Taler
600 Taler
64 Taler
270 Taler
1284 Taler
30 Taler
300 Taler
604 Taler
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3752 Taler

Der Gesamtschaden im Gericht Wispenstein betrug für das Gericht Wispenstein diesmal 18 000 Taler.

Am 30. Dezember 1625 hatte der Landesherr begonnen, Friedensverhandlungen anzuknüpfen. Darauf war Tilly abgezogen. Aber die Bevölkerung atmete zu früh auf. Christian von Dänemark war aufs neue gegen die Kaiserlichen gezogen, hatte bei Lutter am Barenberge durch Tilly eine schwere Niederlage erlitten und musste sich zurückziehen. Die siegreichen Truppen der Liga folgten ihm und kamen so noch einmal in unser Gebiet. Und diesmal blieben sie ganze fünf Jahre. Obwohl es nun kaum noch etwas zu holen gab, richteten sie in Wispenstein allein in den ersten drei Jahren einen Schaden von 5045 Talern und im übrigen Gericht von 10 400 Talern an.

Die Methoden, mit denen die Soldaten das Letzte aus den Leuten herausholten, sind bekannt. Aber auch die Offiziere benahmen sich wie Räuber und Banditen. In verzweifelten Briefen schreibt der Amtmann von Wispenstein an den Landesherrn:

,,Er hat auch meine Frau und Maget ebenmäßig geschlagen und bey den Haren aus dem Hause geschleifet. Daneben alles Ingedinge im Hause ganz mutwillig zunichte gemacht...

In einem anderen Briefe heißt es über die Offiziere, dass sie einer nach dem anderen wie sie in die Quartiere kommen die Dörfer . . . ins 30, 40, 50, 60, ja etliche auch 100 Taler gebrandschätzet, und die Leute aus einem Quartier ins andere ... so lang mit sich geschlappet und gequälet, bis sie die geforderten Gelder entrichteten".

Gräueltaten sind des einzelnen als Beispiele mehrfach angegeben.

Immer wieder bittet der Amtmann in Briefen an den Herzog, er möchte doch sorgen, dass die Leute anständig behandelt würden. Zu allem Unglück war aber 1629 noch hinzugekommen, dass ein Reichskammergerichts-Entscheid vom Dezember des Jahres bekannt gemacht wurde: Die gesamten Stiftslande, die die Herzöge von Braunschweig seit 107 Jahren besaßen, seien an den Bischof von Hildesheim zurückzugeben. Was half es, dass Friedrich Ulrich protestierte, sie seien von allen Kaisern, von Karl V. bis Ferdinand II., rechtmäßig mit dem großen Stift belehnt worden? Mit Hilfe kaiserlicher Truppen wurde der Entscheid sogleich durchgeführt. Bereits am 1. Januar 1630 hatte Wispenstein in Ferdinand, Churfürst von Köln und Bischof von Hildesheim, seinen neuen Landesherrn.

Bald danach allerdings, als sich der Schwedenkönig Gustav Adolf der protestantischen Sache im Reich annahm, schien es, als sollte Friedrich Ulrich ,"sein Land doch behalten; aber der Krieg tobte weiter in Niedersachsen, und am 17. April 1643 starb Friedrich Ulrich.

Seine Erben, Herzog August von Dannenberg in Braunschweig und Herzog Georg von Celle in Calenberg, eroberten im gleichen Jahr zwar noch einmal die Stiftslande, und Georg ließ sich als Landesherr huldigen, doch starb dieser tüchtige Fürst 1641 - wahrscheinlich durch Gift - in Hildesheim. Sein Sohn, Christian Ludwig, war nicht in der Lage, das Erreichte zu halten. Am 17. April 1643 schloss er gemeinsam mit den übrigen welfischen Fürsten einen Separatfrieden mit dem Kaiser. Danach blieb Wispenstein endgültig bei Hildesheim, der Herzog hatte verzichten müssen. Am 12. September 1643 entließ Christian Ludwig die Untertanen im großen Stift ihrer Huldigungspflicht, und ein Jahr später zogen die letzten lüneburgischen und schwedischen Soldaten aus Alfeld ab.

Die Wispensteiner waren nun wieder hildesheimisch - und nicht nur das: sie durften nur noch 40 Jahre, die Herren von Steinberg als Adlige 70 Jahre protestantisch bleiben; denn Bischof Ferdinand war fest entschlossen, die Gegenreformation vollkommen durchzuführen. Davor wurde Wispenstein dann allerdings im großen Frieden von 1648 Münster und Osnabrück bewahrt, der den Protestanten für alle Zeiten freie Religionsausübung gewährleistete.

Wispenstein erholte sich wie alle Dörfer des Landes nur langsam von den Gräueln und Schäden des Krieges. Von den beiden Söhnen Melchiors III., die während des Krieges Wispenstein besaßen, starb Georg Friedrich noch vor Kriegsende, 1641. Melchior IV., sein Bruder, empfing 1649 die Lehen zum ersten Male wieder aus der Hand des Bischofs. Er starb 1661 und hinterließ zwei Söhne, Philipp und Georg II. Diese beiden empfingen die Wispensteiner Lehen am , Juli 1662 vom Bischof. Philipp starb jedoch schon im folgenden Jahr. Dadurch wurde Georg Friedrich von Steinberg alleiniger Besitzer aller zur Linie Wispenstein gehörigen Güter.

Aus der Chronik von 1951 von Herrmann Janson