War bisher nur von den Grundherren in Wispenstein und den ,,Vorbürgern im allgemeinen die Rede, so erfahren wir jetzt aus einer Urkunde des Jahres 1675 zum ersten Male Namen dieser Bewohner: Melchior Schnelle und Hans Tönnies jun. Die Urkunde ist ein Kaufvertrag, in dem der Wispensteiner Vorbürger Schnelle mit Erlaubnis des Gutsherrn dem Schafmeister Tönnies für 150 Taler - in Ratenzahlung zu leisten (!) - Haus und Garten in der Vorburg. sowie die zu gehörigen Ländereien verkauft.

Außer dieser gibt es noch eine andere wertvolle Urkunde aus jener Einen Lehnsbrief von 1682, ausgestellt von Georg Friedrich von Steinberg an Friedrich Kettler, seinen ,,Vorbürger und Lehnsvetter". Daraus ist zu ersehen, dass die Kettlers neben ihren Pflichten als Vorbürger auch Rechte besaßen. Sie hatten nämlich die Feldmark Nottinghausen bei Freden vom Gutsherrn zu Lehen und brauchten von diesem Land nur den ,,Zehnten" an die Herren von Steinberg abliefern. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Kettlers als eine der ältesten Familien Wispensteins schon vor 1682 dieses Afterlehen besaßen. Jedoch sind die Lehnsbriefe verlorengegangen; dieser von 1682, wie auch mehrere andere aus späteren Jahren, meist auf Pergament geschrieben, ist noch im Besitz der Familie Kettler und stellt als Originaldokument etwas sehr Wertvolles und Seltenes dar.

Georg Friedrich II. von Steinberg, der die eben genannten Urkunden unterzeichnet hatte, war mit Sophie Amalie von Adelebsen verheiratet, die ihm 13 Kinder schenkte. Davon starben allerdings sechs im Kindesalter, und von den Söhnen überlebten den Vater, der 1691 starb, nur drei. Diese empfingen die Hildesheimischen Lehen gemeinsam am 12. Januar 1691 von Bischof Jobst Edmund.

Der älteste, Leopold Friedrich, nahm dann 1695 am Feldzug in den Niederlanden teil und reiste anschließend nach Italien, wo er 1698 starb. Sein Bruder Melchior V. lebte als Braunschweigischer Oberforstmeister in Wispenstein. Am 8. Januar 1707 schloss er mit seinem anderen Bruder Friedrich einen Vertrag ab, wonach ihre Güter zum ersten Male regelrecht geteilt wurden: Melchior behielt dabei Wispenstein, Friedrich bekam das braunschweigische Imshausen (wohl schon einschließlich Düsternthal).

Beide Brüder waren damals noch ohne Erben, so dass die Vettern von der Bodenburger Linie schon 1716 ihre Anwartschaft auf die Wispensteiner Lehen beim Bischof geltend machten. In diesem Jahre starb dann auch Melchior in Wispenstein, so dass unter Friedrich noch einmal der ganze Besitz dieser Linie vereinigt wurde. Friedrich von Steinberg ließ das Wohnhaus in Wispenstein, das irgendwann in dieser Zeit - vielleicht durch Brand - zerstört worden war, wieder herrichten und ein zweigeschossiges Inspektorenhaus an der Ostseite des Herrenhauses anbauen. Friedrich war Deputierter der Hildesheimer Ritterschaft, Churhannoverscher Kammerherr, Hildesheimischer Kriegsrat (seit 1733), Braunschweigischer Schatzrat und Ritter des Johanniter-Ordens. Er starb am 26. Dezember 1747, ohne männliche Erben zu hinterlassen. Und da er der letzte vom Mannesstamme des Steinbergischen Hauses Wispenstein war, fielen die Hildesheimischen Lehen und das Gut Düsternthal an Ernst von Steinberg, der schon Bodenburg und Brüggen mit allen zugehörigen Rechten und Ländereien besaß. Seitdem gab es nur noch diesen Zweig der Familie Steinberg; denn auch die Bornhäuser Linie war bereits 1701 ausgestorben.

Imshausen kam durch Allodialnachfolge an die Tochter Friedrichs von Steinberg und deren Nachkommen, die Freiherrn von Kiepen. Leider wickelte sich der Übergang des Besitzes auf die rechtmäßigen Erben nicht so glatt ab, wie es eigentlich hätte sein sollen. Es gab nämlich nach dem Tode Friedrichs von Steinberg noch ein Zwischenspiel um Wispenstein, das hier nicht unerwähnt bleiben soll.

Es wurde bereits gesagt, dass die Steinbergischen Vettern in Bodenburg und Brüggen ihre Erbansprüche auf Wispenstein zu Beginn des 18. Jahrhunderts neu angemeldet hatten. Nun war 1731 bekannt geworden, dass der Fürstbischof einem Ersten Staatsminister Grafen von Plettenberg die Mitbelehnung an den Wispensteiner Gütern versprochen hatte. Das hatte nun wieder seinen besonderen Grund: Zu gern hätte nämlich der Bischof die protestantischen Besitzer durch katholische ersetzt. Die Steinbergs beschwerten sich sofort und gingen damit bis zum Reichskammergericht. - Dies alles geschah noch zu Lebzeiten Friedrichs von Steinberg, des Besitzers Wispensteins. Er selbst erklärte, da er die Ansprüche der Allodialerben sichern wollte, die Vettern in Brüggen und Bodenburg am 16. September 1747 zu Mitbesitzern.

Am 20. Dezember desselben Jahres starb er bekanntlich. Am folgenden Vormittag ergriff der Sekretär Bonsen aus Brüggen im Namen der Herren von Steinberg Besitz von Wispenstein und belegte die Einwohner mit dem gewöhnlichen Eid auf die neuen Gutsherren. Desselben Tages, als die Dämmerung eben hereinbrach, fand sich der Amtmann Mühlpfort aus Winzenburg ein.,, Er komme im Auftrag des Freiherrn von Kiepen", ließ er sich melden. Da der Herr v; Kiepen ein Schwager des Verstorbenen war, ließ man dem Amtmann das Tor öffnen. Da merkten die Wispensteiner plötzlich, dass Mühlpfort mit einer großen Zahl fremder Bauern gekommen war und in Wahrheit das Haus für die von Plettenberg besetzen wollte. Man nötigte den Winzenburger, sofort den Hof zu verlassen, und schloss das Tor hinter ihm zu. Die Fremden zogen jedoch nicht ab, sondern begannen, Wispenstein regelrecht zu belagern wie eine feindliche Festung, bis am 23. Dezember ein Abgesandter des Bischofs kam und das Haus vorläufig für den Landesherrn in Besitz nehmen wollte. Aber Bonsen ließ sich nicht darauf ein, er hielt die Tore geschlossen. Darauf kamen den Belagerern 500 bis 600 Soldaten und Bauern zu Hilfe, diese zerschlugen mit Beilen erst das äußere, dann das innere Tor und drangen in den Hof ein. Sie nahmen Bonsen fest und brachten ihn bei Nacht und Nebel zu Fuß nach Woltershausen. Dort gelang es ihm, der Wache zu entwischen und ins Churhannoversche zu fliehen.

Nun traten die Juristen in Tätigkeit. Erst nach mehrmonatigem Prozess beim Reichskammergericht gelangten die Steinbergs endgültig in den Besitz Wispensteins. Wispenstein war damit ein Teil des großen steinbergischen Familienbesitzes geworden, hatte aber bis auf unsere Tage nun keine eigene Gutsherrschaft mehr, da die jeweiligen Besitzer auf den größeren und besser eingerichteten Schlössern Brüggen oder Bodenburg wohnten.

Die Verwaltung Wispensteins oblag seitdem in wirtschaftlicher Hinsieht einem Gutsverwalter und einem ,,Jäger", später Förster, die gerichtlichen Aufgaben versah ein Amtmann, der vorn Gutsbesitzer eingesetzt war. In den Jahren 1757/58 und 1760 bekam Wispenstein wieder die Lasten eines Krieges zu spüren. Friedrich von Preußen hatte ihn aus Mutwillen gegen Österreich vom Zaun gebrochen. Als Frankreich 1757 in den Krieg eintrat, wurde unser Land von den mit Preußen verbündeten Hannoveranern und Braunschweigern unter dem Oberbefehl des Herzogs von Cumberland besetzt. Dabei musste auch Wispenstein eine starke Einquartierung auf sieh nehmen. Als nach der Schlacht bei Hastenbeck die Franzosen in das Land eindrangen, im Jahr darauf von den Preußen unter Prinz Heinrich verjagt wurden, 1760 noch einmal erschienen, um wieder hinausgejagt zu werden - immer mussten die Dörfer und Städte die Kontributionen tragen und sieh alle denkbaren soldatischen Freiheiten gefallen lassen. - Doch scheint Wispenstein hiervon wenig betroffen zu sein, besonders in den späteren Jahren des Krieges. Genauere Nachrichten hierüber fehlen; doch gerade das scheint mir immerhin ein gutes Zeichen zu sein.

Aus der Chronik von Herrmann Janson