Nach der hannoverschen Landgemeindeordnung von 1859 und der Kreisordnung von 1884 verfügten die Gemeinden im Hannoverschen neben dem Bauermeister auch über einen Gemeindeausschuss und einen Gemeindevorsteher. Seit welchem Jahr diese Einrichtung in Wispenstein besteht, ist nicht genau bekannt. Erstmalig in Erscheinung tritt sie zu Beginn unseres Jahrhunderts. 

Es ist an einem Augusttage im Jahre 1901, an dem sich der Gemeinderat von Wispenstein im Schulzimmer zu einer außerordentlichen Sitzung versammelt hat. Zwei Männer, die Schulvorstände, legen ein Schreiben der königlichen Regierung vor, das eine Empfehlung zur Trennung der beiden Schulen Imsen und Wispenstein enthält und den Bau einer neuen Schule für Wispenstein samt Lehrerwohnung, Turn- und Spielplatz, anregt. Fast ausnahmslos begrüßt man die bevorstehende Abänderung des jetzigen Notstandes und so werden beide Punkte mit großer Stimmenmehrheit angenommen. 

Aber obwohl man bereits am 17. Oktober dieses Jahres eine Fahne für die Schule erwirbt - sie kostet 18,60, ein Betrag, der durch Sammlung in der Gemeinde aufgebracht wird - dauert es noch zwei, Jahre, bis das Projekt in die Praxis umgesetzt wird. Seit Pfingsten 1902 hat unser Ort auch eine Dorfuhr, die von der neuerbauten Branntwein-Brennerei jeweils die vollen und halben Stunden anzeigt. 

Ein Jahr darauf, im Juli 1903, wurden die Schulen Imsen-Wispenstein getrennt und für Wispenstein zwei neue Schulvorstände gewählt. Im September dieses Jahres wurde die "Schule" vom Schulrat Dr. Sachse revidiert. Gleich darauf wurde die Gemeinde nun ernsthaft aufgefordert, ein neues Schulhaus zu bauen. Die Gemeinde erklärte sich auch sogleich dazu bereit. 
Als Bauplatz wählte man eine Stelle mitten im Ort. Hier gehörte aber aller Grund und Boden dem Grafen Steinberg, der nicht bereit war, hiervon etwas zu verkaufen. Schließlich musste man einen Platz an der Weglänge wählen, da anderweitig kein geeignetes Grundstück zu bekommen war. Auch dieser Platz gehörte dem Grafen von Steinberg. Erst auf Vorstellung des Landrats hin ließ er sich bewegen, einen ganzen Morgen für die Summe von 3000 Mark abzugeben. 

Die preußische Regierung lehnte ein Gesuch um Beihilfe zum Schulbau mit der Begründung ab, die Gemeinde sei leistungsfähig genug. 

Für den Sommer des folgenden Jahres nahm ein Ereignis den Wispensteinern den Mut, das umfangreiche Bauprogramm durchzufahren Die Hochwasserkatastrophe vom 9. Februar 1904. Wie schon vor Jahren, trat das Hochwasser wieder infolge der Schneeschmelze ein. Diesmal stand das Wasser vor der Brücke und auf dem Sieler so hoch, dass die Einwohner in Brenn- und Backtrögen auf der Straße durch das Wasser fahren mussten. 

Erst im Frühjahr 1905 wurde dann der Schulneubau in Angriff genommen. Die Bauleitung wurde dem Wispensteiner Zimmermeister Marten übertragen, die Maurerarbeiten führte Konrad Lemensiek aus. Auch alle übrigen Arbeiten waren an Ortsansässige vergeben worden. Der Schulvorstand, dem Pastor Wehrbein, Zimmermeister Marten, Förster Schwarze als Vertreter des Grafen Steinberg, Dachdeckermeister August Siegers, Hermann Wiese, Vorsteher Tönnies und der junge Lehrer Paul Rinnebach angehörten, ging einstimmig von dem Standpunkt aus, etwas Ordentliches und Solides zu bauen und keine Kosten zu scheuen. Ein Jahr nahm der Bau in Anspruch. Dann konnte zu Beginn des Schuljahres 1906 das neue Gebäude seiner Bestimmung übergeben werden. 

Am 1. April wurde die Schule eingeweiht. Pastor Wehrbein hielt im alten Gebäude zuerst eine kurze Ansprache, dann zogen die Kinder, von der ganzen Gemeinde begleitet, in ihre Schule ein. Hier überreichte Bauherr Marten dem Pastor die Schlüssel, die dieser dann an den neuen Hausherrn, den Lehrer Rinnebach, weitergab. Anschließend hielten der Lehrer, der Vorsteher und der Pastor eine Ansprache im Schulzimmer. Fast die ganze Gemeinde hatte sich dort eingefunden. Die Feier wurde von den Kindern beschlossen, die einige Lieder vortrugen. 

Die nächsten zehn Jahre vergehen ruhig und im allgemeinen glücklich für die Gemeinde Wispenstein. Noch immer wohnen nicht viel mehr als 250 Einwohner im Ort, der Gemeindehaushalt ist gesund, Einnahmen und Ausgaben decken sich, ja, am Ende des Jahres sind meist noch ein paar Taler übergespart. So betrugen zum Beispiel 1910 die Einnahmen der Gemeinde 6525 Mark, von denen nur 6009 ausgegeben wurden. 

Von den Einwohnern waren 18 Männer wahlberechtigt. Die 165 1/2 Stimmen verteilten sich nach dem preußischen Dreiklassenwahlrecht wie folgt: 

1. Gräflich v. Steinbergsches Gut, dafür der Vertreter 
Oberinspektor Backhoff 137 Stimmen 
2. Dachdecker Hr. Siegers 4 
3. Zimmermeister Wilhelm Marten 4 
4. v. Soest Hr., Witwer 3 
5. v. Soest Fr. Schmidt, Witwer 3 
6. Vorbürger Wilhelm Tönnies a 
7. Oberinspektor Backhoff 3 
8. v. Soest, Ernst, Bauer 2 
9. Vorbürger Fr. Obermann 1 
10. Vorbürger - Hr. Elze 1 
11. Vorbürger Konr. Kettler 1 
12. Vorbürger v. Soest, Fritz 1 
13. Steinhauer Konr. Kirk 1/2 
14. Steinhauer Fritz Glenewinkel 1/2 
15. Waldarbeiter Herrn. Dörries 1/2 
16. Arbeitsmann Christian Sander 1/2 
17. Anbauer Carl Heise 1/4 
18. Maurer Fritz Dietz 1/4 
165 1/2 Stimmen 

Zu den Vereinen, die bereits im vergangenen Jahrhundert ins Leben gerufen waren - der Männergesangverein von 1865 und der Schweineversicherungsverein von 1899 - kamen schon 1908 zwei weitere hinzu: Der Männerturnverein und der Ziegenzuchtverein. Eine 1904 gegründete Fortbildungsschule. an der Pastor und Lehrer gemeinsam unterrichteten, ging schon nach einem Jahr wieder ein, doch besteht seit 1910 eine Pflichtfortbildungsschule. Im Jahre 1914 wurde der Vaterländische Frauenverein gegründet. 1922 wurde ein Arbeiterradfahrerverein gegründet. 1934 wurde auf Vorschlag der Behörden eine freiwillige Feuerwehr gebildet. 

Am 29. Dezember 1911 verschied in Brüggen der Graf Ernst von Steinberg im Alter, von 62 Jahren. Er war der letzte männliche Nachkomme der Familie gewesen und hatte selbst keine Söhne, sondern zwei Töchter, Jutta und Gisela. Damit starb die Familie von Steinberg, die Wispenstein gegründet hatte und - obwohl seit 1747 kein Angehöriger der Familie mehr in Wispenstein gewohnt hatte - fast ein halbes Jahrtausend im Besitz des Gutes und des Patronats gewesen war, aus. 

Nun kam das Gut Wispenstein mit dem größten Teil der Steinbergisehen Besitzungen an die älteste Tochter des Grafen v. Steinberg, Jutta, die seit 1905 mit dem Freiherrn Dr. jur. Burghard von Cramm vermählt war. An Gisela von Steinberg, die sich im Frühjahr 1911 mit dem Grafen Ernst von Hardenberg vermählt hatte, fielen die Güter Düsterntal und Meimerhausen, die nicht wie die übrigen einem Majoratszwang unterlagen. In der Verwaltung Wispensteins trat durch diese Wechsel des Gutsund Patronatsherrn keine Veränderung ein. 
Als im Sommer 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, hatten die ruhigen Zeiten auch in Wispenstein ein Ende. 63 Einwohner wurden eingezogen, 15 von ihnen kamen nicht wieder zurück. Der Lehrer Paul Rinnebach der seit 15 Jahren die Schule geleitet hatte und als einer der ersten 1914 an die Front rückte, erlitt schon nach wenigen Tagen den Heldentod; er fiel am 23. August 1914. Die Namen der übrigen Gefallenen waren: 

H. Strohte, August Elze, W. Fricke, E. Pröhl, A. Otto, W. Stelzer, Albert Birnbaum, Hermann Strohte, Karl Tölke, Karl Matzke, August Wedekind, Wilhelm Sandvoß, Johann Luke, Wilhelm Rott. 

Diesen Gefallenen wurde im Herbst 1921 ein Ehrenmal im Dorf errichtet und in der Imser Kirche eine Ehrentafel angebracht. Den Platz an der Straßenkreuzung, gegenüber dem Schafstall des Gutes, stellte der Baron von Cramm unentgeltlich zur Verfügung. 
Da die allgemeine Not in den Nachkriegsjahren sehr groß war, wurde am 6. November 1921 die Sterbekasse gegründet. 

An weiteren Ereignissen aus den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen sind folgende zu berichten: 
In der Nähe der Blockstelle der Eisenbahn waren schon vor 1914 zwei Überführungen über die Bahn gebaut worden, doch war die Anschüttung der Fahrdämme während des Krieges nicht möglich gewesen. So ging man im Herbst 1921 daran, links der Straße nach Alfeld auf dem Oelbrink den Boden abzutragen Und die Fahrdämme damit anzuschütten. 

Die alte Straße, die direkt neben dem Block herging, fiel mit den Schranken weg. Der Eisenbahner Wilhelm Bohnsack baute sich im Jahre 1924 hier ein Wohnhaus. Auch auf dem abgetragenen Gelände wurden in den Jahren 1928 und 1929 Wohnhäuser errichtet. 
Seit 1922 hat Wispenstein elektrisches Licht und seit 1925 elektrische Straßenbeleuchtung. 
Im Frühjahr 1928 wurde am Friedhof eine Betonmauer gezogen und rundum eine Hecke gepflanzt. 
Am 22. Mai 1929 beschloss der Gemeinderat, mit der Gemeinde Imsen zusammen einen Sportplatz auf dem Pfingstanger anzulegen. 1931 verkaufte Freiherr von Cramm über 100 Morgen Land, und zwar unter anderem 23 Morgen auf dem Mühlensteg und die ganze Wegelänge. Hier wurden in späteren Jahren Wohnhäuser gebaut. 

Im Frühjahr 1932 wurde für 33 000 Reichsmark eine Wasserleitung gebaut. Im Herbst 1934 wurde die Dorfstraße von der Wispebrücke bis zum Gut gepflastert. 
1936 wurden in der Schule die alten Bänke entfernt und Tische für je zwei Kinder angeschafft. 
1936 wurden zur Vergrößerung des Friedhofes von Birnbaums Erben 1,39 Ar gekauft. Der Friedhof hatte bis zum 8. Dezember 1872 den Vorbürgern gehört und war erst da von der Gemeinde übernommen worden. Die Gemeinde musste noch einige Jahre nach dem ersten Weltkrieg jährlich. 5,25 RM Erbzins für den Gottesacker zahlen. 
Die Gutsherrschaft von Brüggen - und dazu gehörte Wispenstein ja seit fast 200 Jahren - ging 1932 auf Aschwin, den ältesten der sieben Söhne des Freiherrn von Cramrn, über. Sein Vater Burghard starb 1936. 

Im September 1939 brach das Unglück eines zweiten Weltkrieges über unser Vaterland herein. War anfangs, abgesehen von den Einberufungen, auch nicht allzu viel davon in Wispenstein zu spuren, so wurden doch später die Städte von feindlichen Flugzeugen bombardiert, so dass viele Frauen und Kinder zu ihren Verwandten aufs Land zogen. Als 1943 und 1944 die Großangriffe auf die Städte Immer furchtbarere Ausmaße annahmen, wurden von der Regierung Evakuierungen vorgenommen. Aber auch die Dörfer waren vor den feindlichen Bomben nicht sicher. So fielen am 23. März 1944 auch in Wispenstein sieben Bomben. Die Mühle wurde stark beschädigt, das Haus des Arbeiters Willi Kramp (früherer Wohnsitz der Familie Sandvoß) und das Wohnhaus des Landwirts Heinrich Brodtmann wurden vollständig zerstört. Die Mutter von Heinrich Brodtmann fand hierbei den Tod. Die Häuser standen im Winkel der Wispemündung und Bahn. 
Nach dem Ende dieses furchtbaren Krieges sah es die Gemeinde als ihre erste Pflicht an, die Gefallenen zu ehren. Nun war leider der Platz, auf dem das Ehrenmal stand, sehr schlecht gelegen. Die Hühner hatten sehr bald die Anlagen vernichtet, und es war gar nicht möglich, diese Stätte zu pflegen, wie es hätte sein müssen. Auch war der Platz mit der Zeit zu einem Spielplatz für die Kinder geworden. 

Daher wurde im Oktober 1945 das Ehrenmal abgebaut und auf dem Friedhof innerhalb einer neuen Taxushecke wieder errichtet. 

Im selben Herbst wurden auf dem Friedhof alle nicht gepflegten Gräber eingeebnet. Die alten Grabsteine wurden für 100 Reichsmark verkauft. Mit dieser Arbeit waren drei Arbeiter sechs Wochen lang beschäftigt. Gleichzeitig wurde auf dem Friedhof ein Weg angelegt und mit Kohlasche aufgefüllt. Alle Kosten für den Umbau und die Pflege von Ehrenmal und Friedhof wurden von einer Sammlung bestritten, die 2461 Reichsmark an Spenden einbrachte. 

Die Trinkwasserversorgung des Ortes war denkbar schlecht. Das Wasser reichte jeweils nur für Stunden und musste nachts abgestellt werden, damit es sich wieder ansammeln konnte. Die 1932 gefasste Quelle war im Besitz des Freiherrn von Crarnm, und die Gemeinde war nun so lange berechtigt, Wasser zu entnehmen, wie die Quelle ergiebig war. Die Gutsverwaltung und die Gutsarbeiter brauchten dagegen kein Wassergeld zu zahlen. 

Der Bau einer Wasserleitung kostete 33000 Mark. Diese Last mussten die übrigen Einwohner allein tragen. Trotzdem wurde am 24. April 1946. vom Gemeinderat der einstimmige Beschluss gefasst, die Wasserversorgung zu verbessern. 
Nach langen Verhandlungen wurden von Baron Aschwin von Cramm 115,45 Ar Ackerland gekauft. Dieses Land bekam der Bauer Heinrich Brodtmann, der dafür der Gemeinde ein Quellgebiet von 90,31 Ar zur Verfügung stellte. Herr Brodtmann gewann dadurch über 25 Ar und auf 30 Jahre unentgeltliche Wasserentnahme. Die durch den Tausch entstandenen Unkosten trug die Gemeinde. 

Das neue Quellgebiet liegt im Kirchhofsborn in der Fredener Feldmark. Dieses war der erste wirtschaftliche Grundbesitz, den die Gemeinde seit fast 500jährigem Bestehen erwarb. 
Im Herbst 1947 wurde dann mit dem Bau der neuen Wasserleitung begonnen. Die Arbeiten wurden von der Baufirma Carl Reuter in Freden ausgeführt. Das Wasser wurde in den bestehenden Hochbehälter geleitet. Trotz der ungeheuren Materialknappheit gelang es, alles Material ohne Gegenleistung zu bekommen. Es war in dieser schweren Zeit so üblich geworden, dass für derartige Lieferungen eine Gegenleistung in Form von Lebensmitteln und dergleichen, oft sogar unentgeltlich, verlangt wurde. So wurde auch von den Deutschen Eisenwerken in Gelsenkirchen die Lieferung der Rohrleitung von einer Gegenlieferung der Gemeinde von 200 Zentner Kartoffeln verlangt. Aufgrund einer persönlichen Verhandlung des Gemeindedirektors Gisder wurde aber der Kauf ohne jede Gegenleistung getätigt. 

Ebenso waren in dieser Zeit die Arbeitskräfte sehr knapp. In einer Gemeindeversammlung am Sonntag, dem 28. September 1947, erklärten sich alle Männer von 18 bis 65 Jahren bereit, in Selbsthilfe den Bau der Wasserleitung auszufahren. Es musste jeder einen zehn Meter langen Graben auswerfen oder zwanzig Meter zuwerfen. Ob Lehrer oder Gutsinspektor, ob Landwirt, Handwerker, Flüchtling oder Arbeiter, alle leisteten die ihnen zugeteilte Arbeit. So wurde trotz der schweren Zeit das Vorhaben in kurzer Zeit Wirklichkeit. Es war jetzt reichlich Wasser vorhanden. 

Um die Arbeiten finanzieren zu können, wurden die Einwohner zur Zeichnung von Anleihen aufgefordert. Es wurden 16 800 RM gezeichnet. Hierdurch war es erst möglich, die Wasserleitung zu bauen. Es wurde jetzt von allen Wassergeld gezahlt. Es gab eine Beihilfe von 10 000 RM. Die Gemeinden Imsen und Föhrste wollten sich nun auch an diese Wasserversorgung anschließen. Da die Gemeinden aber das Wasser unentgeltlich haben wollten, kam der Plan nicht zur Vollendung. Im Herbst 1949 wurden auf dem Quellgebiet 26 Obstbäume angepflanzt Lind 1950 nochmals 25 Bäume. 

Der verlorene Krieg und der Verlust der deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße hatten einen unermesslichen Flüchtlingsstrom aus den Ostgebieten hervorgerufen. Diese Evakuierten, Flüchtlinge und Ausgewiesenen mussten alle im westlichen Deutschland, besonders auf dem Lande, untergebracht werden. Die Ortschaften wurden derartig überfüllt, dass den Einheimischen manchmal kaum der nötige Wirtschaftsraum blieb. So kamen in unsere Gemeinde am 27. Mai 1946 60 Flüchtlinge und am 29. Mai 1946 nochmals 40 Flüchtlinge. Am 1. September 1948 waren in der Gemeinde 240 Flüchtlinge und 34 Evakuierte! Durch dieses Zusammendrängen der Familien war bei Sterbefällen kein Platz für die Leichen. Es mussten wiederholt Leichen in der Turnhalle aufgebahrt werden, eine für die Sportfreunde unangenehme Angelegenheit. Daher ,wurde wiederholt der Wunsch geäußert, eine Leichenhalle zu bauen. Die Zeichnung hierfür wurde von dem Bauingenieur Karl Bohnsack, Haus Nr. 53, unentgeltlich angefertigt. Das Bauholz und die Fundamentsteine wurden noch vor der Währungsreform gekauft. Leider war es nicht mehr möglich, den Bau noch vor der Währungsreform (am 20. Juni 1948) fertigzustellen. Aber der Bau wurde trotzdem in Angriff genommen. Es wurden hierfür zwei Geldsammlungen durchgeführt. Bei den Sammlungen kamen 2330,96 DM zusammen. Leider gab es auch hier wieder einige Einwohner, die sich abseits stellten und nichts spendeten. Dann wurden noch neun Pappeln verkauft, hierfür bekam die Gemeinde 1381,06 DM. Nun ging der Gemeinderat in den Abendstunden zum Friedhof und in freiwilliger Arbeitsleistung wurde der Bau vollendet. An den Arbeiten beteiligten sich auch einige andere Einwohner. 
Von der von Cramm'schen Gutsverwaltung wurden alle Fuhren umsonst geleistet, ebenso spendete Baron Aschwin von Cramm eine Eiche zum Bau, während Baron Gottfried eine größere Geldsumme spendete. Auch einige Heimatfreunde zeichneten größere Geldsummen. Die Leichenhalle wurde im Sommer 1949 gebaut. 

Ein anderer Missstand, der schnellstens behoben werden musste, war die Gefahr der Überschwemmungen. Schon 1924 war aus diesem Grunde der Beschluss gefasst worden, die Wispe zu begradigen und aus den Anliegern einen "Wasserverband" zu bilden. Doch es war damals bei dem Entschluss geblieben. 

Bei jedem stärkeren Regen und im Winter bei der Schneeschmelze wurden die anliegenden Gärten überschwemmt. Das war vor allem im Sommer sehr unangenehm. Die Wispe war seit 20 Jahren nicht wieder ausgebaut. Im Sommer 1929 und im Winter 1946 wurden die anliegenden Gärten und die Gutsgärtnerei vollständig vernichtet. 

Auf Grund der ständigen Beschwerden des Müllers Erich Glenewinkel wurde schon im Herbst 1945 über den Ausbau der Wispe im Gemeinderat beraten. Die Wispe war Eigentum des Freiherrn von Cramm. Aber durch die lange Vernachlässigung waren die Ausbaukosten so hoch, dass die Gutsverwaltung die Ausbaukosten nicht allein tragen konnte. 

Von der Gemeindeverwaltung wurde daher vorgeschlagen, die Ausbaukosten vorläufig von der Gemeinde zu übernehmen. Denn die Gemeinde, als Träger der Arbeit, bekam zirka 50 0/o verlorenen Zuschuss. So wurde in der Gemeinderatssitzung am 5. September 1947 einstimmig der Beschluss gefasst, die Vorhaben auszufahren. Am 17. Oktober 1949 wurde an der Leine mit der Arbeit begonnen. 13 Arbeitslose aus Wispenstein wurden hier beschäftigt. Es mussten sogar aus den Nachbardörfern noch Arbeitslose eingestellt werden. 30 Arbeiter fanden hier für kurze Zeit Beschäftigung. Auf dem Placke wurde beim Wehr ein neues Stauwehr gebaut und die Wispe wurde von der Straßenbrücke aus nach unten begradigt. Die Gesamtlänge der Begradigung betrug 140 Meter. Durch die Begradigung der Wispe ging der Garten des Vorbürgers Ernst Grotjahn verloren. Herr Grotjahn bekam dafür links der Wispe in dem neu anfallenden Gelände einen Garten wieder. Der alte Garten war 23 Ruten (eine Rute = 21,84 qm) groß, hierfür bekam er 50 Ruten unentgeltlich, und der Garten wurde noch an drei Seiten vom Wasserverband eingefriedet. 

Am 31. Juli 1950 wurden die Arbeiten beendet. Am 9. Juni 1950 wurde der Wasserverband gebildet und die Wispe von ihm übernommen. Der Ausbau der Wispe kostete 43 290,- DM. In der Gründungsversammlung wurde der Gutsinspektor Karl Bollrnann zum Vorsitzer des Wasserverbandes gewählt. Alle Anlieger und die, die im Vorteilsgebiet lagen, wurden zwangsläufig Mitglied. Als Beitrag werden jährlich je Ar 0,65 DM gezahlt. 
Für den Ausbau wurden folgende Zuschüsse gezahlt: 11 000,- DM vom Land Niedersachsen, 2500,- DM vom Landkreis Alfeld, und vom Arbeitsamt 11 790.- DM. 
Die Arbeiten wurden von der Firma Carl Reuker, Freden, ausgeführt. Am 12. Januar 1950, um 16.15 Uhr, wurde die Wispe durch das neue Wispebett geleitet. 

Auch die Schulverhältnisse erwiesen sich nach dem Krieg als kaum tragbar. Es waren 150 Prozent mehr Kinder zu unterrichten als vor dem Kriege. Daher musste ein Teil der Kinder vormittags, ein anderer Teil nachmittags zur Schule gehen. Um diesem Zustand abzuhelfen, sollte auf den unteren Klassenraum ein zweiter aufgebaut werden. Aber leider wurde dieser Plan von der Regierung in Hildesheim abgelehnt. 

Am 3. Januar 1950 hatten die Gemeinderäte der Gemeinde Imsen und Wispenstein in Wispenstein eine gemeinsame Sitzung. In dieser Sitzung wurde der Vorschlag gemacht, eine gemeinsame Schule zu bauen. Der Gemeinderat Wispenstein fasste am 10. Januar 1950 einstimmig den Beschluss, mit der Gemeinde Imsen zusammen eine Schule zu bauen. Das Baugelände wollte Freiherr Gottfried von Cramm zur Verfügung stellen. Am 17. Januar 1950 fand in der Schule in Imsen wieder eine gemeinsame Sitzung statt. In dieser Sitzung wurde einstimmig der gemeinsame Schulbau beschlossen. Am 16. Mai 1950 wurde auf Vorschlag der Kreisverwaltung die Architektin Frau Lucie Hildebrandt in Göttingen mit den Entwurfsarbeiten beauftragt. Es sollten vier Klassenräume, eine Turnhalle und ein Zweifamilien-Lehrerwohnhaus gebaut werden. Da aber die Regierung in Hildesheim selbst an den Entwurfsarbeiten interessiert war, wurde der Plan der Frau Hildebrandt abgelehnt. 

Zur gleichen Zeit sollte der S p o r t p 1 a t z vergrößert werden. Es hatte sich ein Fußballverein gebildet, und auf dem alten Platz konnte der Verein nicht spielen. Freiherr Gottfried von Cramm stellte auch hier wieder sofort das nötige Gelände unentgeltlich zur Verfügung. Das fehlende Gelände sollte von der Kirchengemeinde Freden erworben werden. Die Fredener Kirchengemeinde hatte in der Nähe des Sportplatzes 43,34 Ar Ackerland. Diese Projekte sind zur Zeit der Entstehung dieser Schrift noch nicht ausgeführt. 

Am 6. August 1950, um 16 Uhr, ging über unsere Feldmark ein Hagelwetter. Die gesamte Ernte wurde vernichtet. In kurzer Zeit standen der Straßengraben und die Kreisstraße nach Freden unter Wasser. Die Gerstenstiegen waren zum Teil bis vor das Dorf gespült. Dicke hölzerne Eisenbahnschwellen, die in der Feldmark als Brücke verwandt waren, lagen ebenfalls vorm Dorfe. Landwirte, die sonst von einem Morgen etwa 20 Zentner Getreide geerntet hatten, ernteten in diesem Jahr kaum 6 Zentner. Die Kartoffelstauden waren total zerschlagen, sogar die Rinde der jungen Bäume war beschädigt. 

Damit ist der Rückblick auf die 500jährige Geschichte von Wispenstein an dem Punkt angelangt, wo sich Vergangenheit und Zukunft überschneiden. 

Zu berichten bleibt nur noch, dass seit 1948 wieder ein Nachkomme des Gründers und Erbauers von Wispenstein in dem neu hergerichteten Gutshaus wohnt: Baron Gottfried von Cramm, der drittältester Sohn Burghards von Cramm. 

"Er spielt Ball", sagen die älteren Leute in Wispenstein von ihm, und sie verstehen nicht recht, dass man zu diesem Zweck in der Welt herumreist, wie es der Baron Gottfried macht. Die jüngeren Sportsleute im Dorf aber wissen, dass Gottfried von Cramm einer der bekanntesten Sportler der Welt ist und in allen Zeitungen als "Tennisbaron" geehrt wird. 

So schließt der heutige Gutsherr an die Tradition seines Wispensteiner Vorfahren, des Söldnerführers Adrian von Steinberg, an, der freilich zu weit weniger friedlichen Kämpfen in die Welt hinauszog und berühmt wurde. 
Außer Gottfried von Cramm wohnt auch Gisela Gräfin von Hardenberg, die als letzte den Namen von Steinberg trug, mit ihrem Gatten auf dem Gut Wispenstein. Ein merkwürdiger Zufall: Heinrich von Steinberg, der Erbauer Wispensteins, war mit einer Hardenberg verheiratet. Nun ist die letzte Nachkommin der Steinbergs mit einem Grafen Hardenberg vermählt. 

Im September 1950 trat der Gemeinderat in Wispenstein zusammen, um über die Vorbereitungen zur festlichen Gestaltung des 500jährigen Bestehens ihres Ortes im Jahre 1951 zu beraten. Der Lehrer Schütz las ein Theaterstück vor, das er selbst verfasst hatte. Alle waren begeistert davon und beschlossen, dieses Spiel, das mit phantasievollen Ausschmückungen vom Bau Wispensteins handelte, bei dem bevorstehenden Fest aufzufahren. Außerdem wurde beschlossen, die Geschichte Wispenstein nach den Quellen des Brüggener Gutsarchivs aufzuzeichnen. Der Lehrer von Wispenstein, Herr Schneider, der Pastor von Imsen, Herr Sander und Herr Gisder lieferten außerdem Beiträge dazu. 

Aus der Chronik von Herrmann Janson